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Illusionslust

geschrieben von Natascha Mester im Mai 2012

Mit ihren Illustrationen entführt Natallia Yermakova Kinder wie Erwachsene in Welten, die — obgleich vertraut — immer wieder neue Einblicke und Sichtweisen in und auf unsere Stadt gewähren

Das Fremde nehmen wir für gewöhnlich mit ungleich wacheren Augen wahr als das Vertraute, sei es eine fremde Sprache oder aber die neue Heimat, die wir visuell erobern. Vielleicht liegt hierin die Antwort, wenn man in Natallia ­Yermakovas sensiblen Illustrationen die Stadt ­Lüneburg immer wieder neu zu entdecken glaubt.
Im Jahr 2011 ist das Buchprojekt „Lilaland“ der Kinder- und Sachbuchillustratorin im Chamäleon-Verlag erschienen, das der Heideregion sein Augenmerk schenkt. Schon mit ihrem ersten Lüneburg-Stadtführer „für Klein und Groß“, der bereits in zweiter Auflage herausgegeben wurde, hat sie, so scheint es, ihrer Wahlheimat Lüneburg ein Dankeschön sagen wollen.

Ich wollte den Lüneburgern etwas für ihre Freundlichkeit und Offenheit, für ihre liebe­volle Unterstützung während meines ­Studiums in Hamburg und bis heute zurück­geben“, sagt sie ­lächelnd und mit leisem Nachdruck. Ihre Aussprache ist so bewundernswert wie die Detailtreue in ihren Bilderlandschaften; wenn sie etwas be­ginnt, dann mit ganzer Leidenschaft und dem festen Willen, nicht eher zu ruhen, bis ein Ergebnis vor ihr liegt, das sie zufrieden stellt. „Ich habe diesen starken Willen, ganz dabei sein zu ­wollen, mich an neue Bedingungen anzupassen und dazuzugehören.“ Man glaubt es ihr ohne Wenn und Aber.

n ihrer ursprünglichen Heimat Weißrussland war sie als Ikonenmalerin tätig, machte ihr Diplom als Lehrerin für Darstellende Kunst, arbeitete mit ­Kindern in Schulen. Ende 2001 brach sie auf, um die Fremde zu erkunden. Dass aus dem ursprünglichen Traum vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten ausgerechnet Lüneburg wurde, verdankt sie einzig und allein dem Zufall – und nennt es heute glückliche Fügung des Schicksals.
In Hamburg schloss die Kunstlehrerin ein Studium an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften an und entdeckte dort ihre Leidenschaft für die Buch­illustration. Doch das Malen allein schien ihr keinen rechten Sinn zu ergeben, es fehlte die geschriebene Geschichte als tragende Basis. Auf der Suche nach jemandem, der ihre Bilder mit textlichem Inhalt begleiten konnte, lernte sie schließlich ihren Mann, den Medienexperten und Autoren Michael Beuthner, kennen. Man tat sich zusammen und es erwuchsen nicht nur einzigartige Buch­projekte aus dieser kreativen Liaison, sondern auch das zarte Pflänzchen der Liebe. Mit der Hochzeit nahm sie den Namen ihres Mannes an. Ihr Atelier aber trägt weiterhin den Mädchen­namen Yermakova — eine liebevolle Reminiszenz an ihre Herkunft.
In den erschienenen Buchprojekten führt Wildschwein Ebi Borste humoristisch und mit einem bewundernswerten Hintergrundwissen durch die Seiten – das macht die Bücher auch für Erwachsene lesens­wert. Gerade arbeitet sie an neuen Bildern für das nächste geplante Buch, das die Historie Lüne­burgs und die Zeit der großen Hansestädte unter die Lupe nimmt. Nein, zum bevorstehenden Hanse­tag werde dies nicht mehr erscheinen, unter Druck ließe es sich schließlich nicht gut ­arbeiten, da sei sie konsequent, tut sie bedauernd kund.
Ihr Malstil ist geprägt von einer großen Klarheit und steckt dennoch voller „Hingucker“, die jede Arbeit zu einem erzählerischen Entdeckungs-Bild werden lassen. Sie hegt eine Vorliebe für die ­Aquarell­technik; der Bleistift beschreibt lediglich skizzenhafte Elemente, deutet den Hintergrund an. Immer wieder eine Herausforderung sei es, den wehrhaften, trutzigen Lüneburger Backstein in dieser luftig-leichten Maltechnik darzustellen. Ihre Bilder sind vor allem realistisch, doch haben sie durchaus auch etwas Traumhaftes an sich. Wer genau hinsieht, entdeckt in dem Begriff„ Illustration“ auch die Wörter „Illusion“ und „Lust“ – und so ist es vielleicht die Lust an der Illusion, die der Künstlerin ihre Handschrift verleiht. Perspektivische Ansichten schrumpfen zu einer „Insel“, ganze Straßenzüge, wie beispiels­weise der Sande, stellen sich gleich einer Spiegelung plakativ als ein Oben und Unten dar. Immer wieder bewundernswert ist die Detailtreue, mit der Natallia Beuthner ihre Illustrationen ausstattet, teils „plein air“ vor den alten Gebäuden malend, teils Foto­grafien zur Hilfe nehmend.
Im April zeigte die Ratsbibliothek erstmals zahlreiche Originalaquarelle aus den beiden Buchprojekten, die allesamt Lust auf mehr machten. Wer sich einen Eindruck von den Illustrationen Natallia Beuthners machen will, der schaue einfach auf ­ihrer Website im Internet unter www.atelier-yerma
kova.de
vorbei.(nm)

Fotos: Enno Friedrich, Privat