Gängige Praxis
geschrieben von Joachim Köweker im Februar 2012Geschichten aus dem zweiten Leben
Der Haussegen hing schief über dem Ehepaar Ludwig. Sie schliefen unter einem Dach, gingen sich aber so weit wie möglich aus dem Wege. Zuhause funktionierte das, in der gemeinsam betriebenen Hals-, Nasen-, Ohrenpraxis weniger. Um dem Gemmendinger Tratsch keinen Gesprächsstoff zu bieten, hielten die beiden Doktoren sich eisern an die Parole, die Frau Ludwig ausgegeben hatte: Business as usual. Aber jede ihrer drei Praxishelferinnen ahnte, dass sich hinter dem täglichen, betont fröhlichen ‚Guten Morgen‘ Gewitterwolken türmten. Heike am Empfang schielte zu ihren Kolleginnen herüber, wenn sie aus einem der Behandlungszimmer kamen. Die grinsten unterdrückt zurück. Nichts Neues, noch nicht. Aber dass etwas in der Luft lag, war klar. Die Patienten im Wartezimmer hörten nichts vom beredten Schweigen der Helferinnen; die hatten andere Sorgen.
Auch nach Wochen hatte sich die Lage kaum geändert. Zwar hatten die Tage die Hochspannung herunter transformiert, aber die Frostigkeit des Umgangs der beiden Ärzte miteinander hatte den Praxisalltag mit Raureif überzogen.
So arbeiteten sie vor sich hin. Manchmal blubberten Mutmaßungen der Sprechstunden-Helferinnen hoch wie Blasen aus einem köchelnden Brei.
„Vielleicht geht er fremd?“
„Der doch nicht.“
„Finanzielle Schwierigkeiten?“
„Und dann Porsche fahren?“
„Gerade deswegen..."
Danach wieder Stille. Business as ususal.
Kurz vor der Mittagspause. Das Wartezimmer war leer, Herr und Frau Doktor nebst Helferin waren noch jeweils mit einem Patienten beschäftigt; nur ein letzter stand noch auf der Warteliste. Hinter dem Empfangstresen brütete Heike über einer Sudoku-Lösung, es wollte einfach nicht klappen.
Die Tür öffnete sich, Ibrahim trat ein.
„Äääh!“ stöhnte Heike, sie hatte wieder auf die falsche Zahl gesetzt.
Ibrahim stand einen Augenblick sprachlos, drehte sich dann um und verließ den Raum.
Heike hatte nur kurz aufgeschaut. Sudoku hatte sie in den Bann geschlagen; vor der Pause wollte sie es geschafft haben. Noch ein Versuch.
Erneut trat Ibrahim durch die Tür, als käme er zum ersten Mal. Wieder schlug ihm ein Äääh! entgegen. Heike warf den Kuli auf den Tisch und vergrub das Gesicht in den Händen.
Ibrahims dunkle Augen schienen noch dunkler zu sein, als Heike zu ihm aufsah.
„Schweigen Sie!“ schrie er und streckte die Arme aus, als wolle er sich gegen sie schützen.
Heike bat ihn, im Wartezimmer Platz zu nehmen und suchte seine Akte heraus: ‚Mahmadi, Ibrahim‘ – er kam oft, und öfter kamen seine Töchter, seine Frau, seine Tante, seine Onkel. Das ungewohnt herbe Gemmendinger Klima schien diesen arabischen Hälsen, Nasen und Ohren nicht sonderlich gut zu bekommen.
Ibrahim ließ sich nicht ins Wartezimmer schicken, er ließ die Sprechstundenhilfe überhaupt nicht zu Wort kommen sondern schrie, er wolle sofort den Doktor sprechen. Sofort!
Frau Dr. Ludwig öffnete die Tür ihres Behandlungszimmers einen Spalt weit, um zu sehen, was der Lärm zu bedeuten habe.
„Ich will sie nicht sehen!“ schrie Ibrahim ihr mit unverminderter Lautstärke entgegen und wies auf Heike, die mit rotem Kopf hinter dem Empfangstresen saß. „Sie soll weggehen!“
„Einen Moment Geduld bitte!“ Frau Ludwig schloss die Tür wieder. Dafür öffnete Herr Ludwig die seine, verabschiedete seine Patientin und begleitete sie zu Heike, um Angaben zum Rezept zu machen. Er kam nicht dazu.
„Ich will sie nicht sehen“ schrie Ibrahim und zeigte auf Heike, „sie soll gehen! Sie ist eine Rassistin, eine Ausländerfeindin!“
Jetzt kam auch Frau Ludwig mit ihrer Patientin aus dem Behandlungszimmer. Was es denn wieder gäbe, fragte sie ihren Mann.
„Sie hat mich beleidigt!“ antwortete Ibrahim mit unverminderter Lautstärke; nur, dass jetzt ein klagender Tonfall hinzu kam: „Die da ist eine Ausländerfeindin!“
„Das ist nicht wahr!“ verteidigte sich Heike.
„Doch!“
Die Patientinnen und die beiden Helferinnen fühlten sich wie im Theater.
Das beruhe doch gewiss auf einem Missverständnis, moderierte Frau Ludwig.
„Tut es nicht!“ erregte sich Ibrahim. „Sie hat Äääh gemacht, als sie mich sah! Und das ist eine große Ausländerfeind …“
„… lichkeit“ ergänzte Herr Ludwig automatisch. „Aber Ausländerfeindlichkeit gibt es in unserer Praxis nicht, damit das klar ist. Mein Gott, die Heike weiß ja noch nicht mal genau, was Ausländerfeindlichkeit ist …“
„Dann ist sie dumm“, sagte Ibrahim und winkte zu Heike hinüber sie möge verschwinden.
Sie sei nicht dumm und sie lasse sich nicht beleidigen, begehrte Heike auf, und sie wisse sehr wohl, was Ausländerfeindlichkeit sei, sie stamme aus Rostock, und eine Rostockerin werde in Gemmendingen wie in den meisten alten Bundesländern auch als Ausländerin angesehen – und auch so behandelt! Und mit der letzten Bemerkung warf sie der Frau Doktor einen vielsagenden Blick zu, den diese prompt mit einem „Wen meinen Sie damit?“ parierte.
„Sie wissen schon“, murmelte Heike halblaut.
„Sie hat hier gar nichts zu meinen“, herrschte Herr Ludwig seine Frau an.
„Sehen Sie?“ Heike wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel und blickte zur Doktorin empor.
„Warum hat sie Äääh gemacht?“ beharrte Ibrahim, „ich sage es: weil sie mich angeschaut hat!“
„Ich schaue keine fremden Männer an!“
„Dann sind Sie lesbisch“, erklärte Ibrahim.
„Das ist nicht wahr! Ich bin verlobt!“
„Schreit sie auch Äääh, wenn sie mit ihrem Verlobten zusammen ist? Ääääh, Ääääh, Ääääh!?“
Nun wurde auch Herr Ludwig laut. „Fangen Sie nicht auch noch an, Äääh zu schreien, es reicht!“
Ibrahim blieb unbeeindruckt. „Warum hat sie bei mir geschrien, jedes mal, als ich hereinkam?“
„Weil Sie ein …“ hier unterbrach sich Herr Ludwig, als er den drohenden Blick seiner Gattin bemerkte, und wandte sich an Heike: „Zum Kuckuck, warum hast Du nun geschrien?“
„Ich habe nicht geschrien, ich habe gestöhnt, weil das Sudoku so schwer war; ich hab’s nicht rausgekriegt, darum!“
„Sie lösen Rätsel in unserer Arbeitszeit, statt sich um die Patienten zu kümmern? Das ist ein Grund für die Kündigung!“
„Mein Mann übertreibt mal wieder“, tröstete die Doktorin.
„Er auch“ schluchzte Heike und zeigte auf Ibrahim.
„Ich übertreibe?“, empörte der sich, „sie zeigt mit dem Finger auf mich! Und wenn ich mich beleidigt fühle, dann übertreibe ich?“
Herrn Ludwigs Geduldsfaden war gerissen. „Ja, das tun Sie“, sagte er. „Und nun Schluss und raus. Alle!“ Er musste die Patienten nicht zur Tür drängen, sie gingen von selbst. Nur Ibrahim blieb und beharrte darauf, noch einen Termin zu haben, er habe Halsschmerzen.
„Das kommt vom Schreien“, sagte Doktor Ludwig, „kommen Sie wieder, wenn Sie sich beruhigt haben.
Er betrete nie wieder diese Praxis. Und seine Frau nicht, seine Töchter nicht, seine Tante und seine Onkel auch nicht. Damit ging Ibrahim und knallte die Tür. Heikes Kolleginnen hatten ihre Mäntel genommen; auch sie drängte es nach draußen.
Doktor Ludwig tapste benommen ins Wartezimmer und ließ sich auf einen Stuhl fallen.
„Zehn Patienten verloren durch deine Schuld, weißt du das?“ Frau Doktor Ludwig stützte sich auf die Lehne eines Stuhles und blickte auf ihren Gatten herab. Dann setzte sie sich und vergrub den Kopf in den Händen.
Am Empfang saß Heike und heulte.
Im Wartezimmer saßen Herr und Frau Ludwig. Das Schweigen zwischen ihnen wuchs wie eine Gewitterfront im August. Es war Februar. Sie warteten.
Weitere Artikel:
Bardowicker Gesäßhuldigung
Brutzeln und kochen für den Denkmalsc...
Frieden war das schönste Geschenk
Willkommen im Katzenparadies
Plötzlich scheinreich
Trabis, Tränen und eine Stadt im Taum...
Wie geht eigentlich Kunst?
Bruchbuden gegen den Wohnraum-Mangel
Auf der Lüneberger Heide?
„Der Sturm“ wird ein Bühnen-Orkan
Der Hochzeitstag ist auch nur ein Datu...
Re(h)agieren Sie rechtzeitig
Ein Tag für Ja-Sager
Gehen Sie doch einfach mal am Stock...
Oase des Glücks
Die Kampfkunst des Mittelalters
Wie böse ist die Schlange wirklich?
Per App auf Zeitreise
Rule Brexitannia
Suchbild des Monats September 2019
Lüneburg Aktuell

Lüneburg Aktuell
Heute schon lesen was morgen in der Zeitung steht
Veranstaltungskalender
Mittagstisch
Kleinanzeigenmarkt
http://www.lueneburgaktuell.de/
























































