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Strafraumgrenze

geschrieben von LoRenz im Mai 2018

War früher eigentlich wirklich alles besser als heute? Und wenn ja, warum nicht? LoRenz sucht Orientierung in unserer modernen Welt und schaut dabei zurück auf Kindheit und Jugend

Neulich stellte ich zu meiner Überraschung fest, dass die Bundesligasaison in diesem Jahr deutlich früher, nämlich schon am 12. Mai endet. Stimmt, wir müssen ja den Welt-meistertitel verteidigen. In Russland. Deshalb muss „Die Mannschaft“ noch im Mai zur Vorbereitung nach Südtirol ins Landheim fahren. Ich werde mich dann auch auf die WM vorbereiten und diesen schwarzen Kasten suchen, den mir mein Telefonanbieter irgendwann geschickt hat. Den braucht man nämlich, um den Fernseher in Betrieb zu nehmen. Ich habe das Gerät, das man wohl „Receiver“ nennt, vor etwa 17 Monaten zuletzt gesehen – es kann also nicht verschwunden sein.
Der Fernseher, den meine Eltern 1969 anschafften, hieß „Nordmende Spectra“, brauchte keinen Receiver und hatte sechs Programmtasten. Dabei gab es — inklusive DDR-Fernsehen — nur vier Programme. Wenn es um Bundesliga-Fußball ging, saß ich allerdings jeden Samstagnachmittag um halb vier vor dem „Nordmende Fidelio“. Das war das riesige Röhrenradio, Baujahr 1956, das früher in der Werkstatt meines Vaters stand und heute mein Arbeitszimmer ziert. Die ARD-Sportschau sah ich damals selten, denn das ZDF brachte – nicht ohne eine gewisse Heimtücke – zeitgleich die Serie „Daktari“. Gegen den schielenden Löwen Clarence und gegen Judy, die Schimpansin, kamen selbst Franz Beckenbauer, Günter Netzer und Hänschen Siemensmeyer nicht an. Hänschen Siemensmeyer? Als Hannoveraner bin ich selbstverständlich An-hänger von Hannover 96. Wie jeder echte Fußball-fan habe ich mir meinen Verein nicht ausgesucht – sonst wäre ich ja Bayern-Fan. Ob man diesem oder jenem Verein folgt, hat etwas mit Herkunft, Familien-geschichte oder sonstigen Traumatisierungen zu tun. Mein Vater zum Beispiel hat früh versucht, mich für Arminia Hannover zu begeistern. Ich war kaum drei Jahre alt, als er und sein Mitarbeiter, Herr Runge, meinten, mich ins Stadion am Bischofs holer Damm mitnehmen zu müssen. Man erzählt sich, ich sei damals bei jedem Aufschrei des Publi kums so erschrocken gewesen, dass mein Vater und Herr Runge mich schon ab Mitte der ersten Halbzeit abwechselnd hinter den Tribünen auf und ab tragen mussten. Dass mein Schrecken auch mit dem furcht-baren Fußball, der dort gespielt wurde, zu tun ge-habt haben könnte, mag natürlich niemand glauben. So zog es mich zu Höherem, zumindest was die Spielklasse anging. Die „Roten“ von Hannover 96 spielten im Niedersachsenstadion, das damals noch rund 80.000 Zuschauer fasste. 15.000 kamen am 3. Juni 1972, als es am 32. Spieltag der laufen-den Bundesligasaison gegen den 1. FC Köln ging. Ich war einer von ihnen, obwohl meine Eltern mir streng verboten hatten, allein ins Stadion zu gehen. Meine Tante Anni, die sehr gerne die anrührenden Versuche meiner Eltern, ihrem zehnjährigen Sohn Grenzen zu setzen, sabotierte, hatte mich mit Geld für die Straßenbahnfahrt, die Eintrittskarte und eine Bratwurst ausgestattet. Als ich im Stadion ankam, hatte Mannschaftskapitän Hans Siemensmeyer gerade die 96er auf den Platz geführt. Gleich den ersten Angriff der Roten konnte die Kölner Ab-wehr nur noch mit einem Foul stoppen. Den fälligen Freistoß von der Strafraumgrenze nagelte Ferdinand Keller – nicht zu verwechseln mit Hans- Joachim Weller, dem anderen großartigen Angreifer der 96er – unter die Latte des Kölner Tores. 1:0 in der ersten Spielminute!
Noch vor der Pause gelang den Kölnern der Aus-gleich, was mir den Appetit auf die von Tante Anni gesponserte Bratwurst jedoch nicht nehmen konnte.

War diese Niederlage womöglich die verdiente Strafe für meinen heimlichen ­Stadionbesuch? Hatte etwa ich den „Roten“ das eingebrockt?

Erst das 1:2 in der 56. Minute durch einen ge-wissen Wolfgang Overath, der bald darauf mit der deutschen Nationalmannschaft Europa- und zwei Jahre später Weltmeister werden sollte, löste Sorge bei mir aus. Als Heinz Flohe dann in den letzten fünf Minuten des Spiels für das dritte und vierte Kölner Tor sorgte, war ich endgültig bedient. Ich zog mich zurück auf die menschenleeren Ränge ganz oben, dorthin, wo das Unkraut meterhoch zwischen verschobenen Betonplatten hervorwuchs, weil sich bei meist geringer Auslastung des Stadions selten Zuschauer hierhin verirrten. Minutenlang blieb ich wie erstarrt sitzen. War diese Niederlage womöglich die verdiente Strafe für meinen heimlichen Stadionbesuch? Hatte etwa ich den „Roten“ das eingebrockt? Doch jetzt, wo Jogis Jungs vor der Abreise nach Russland stehen, steigt auch bei mir wieder das Fuß-ballfi eber – obwohl der Putin bei der Vergabe des WM-Turniers an sein Land ja irgendwie geschum-melt haben soll. Hat er sich womöglich von den Ver-anstaltern des Turniers von 2006, also vom DFB und von Franz Beckenbauer, die entsprechenden Tricks verraten lassen? Und hoffentlich ist das Quartier unserer Mannschaft in Russland gut abge-schirmt! Mit Schrecken erinnern wir uns daran, dass in der Nacht vor dem Endspiel 1974 die Hol-länder um Johan Cruyff entscheidend geschwächt wurden, weil sehr weibliche Agentinnen, als Hotel-personal getarnt, nackt zu ihnen in den Swimming-pool sprangen. Wo war das noch? Und wer wurde am nächsten Tag Weltmeister? (LoRenz)
FOTO: 123RF.COM © TOMWANG

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