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Was ist ein Leben wert?

geschrieben von Ina Freiwald im Juni 2018

Zwölf Schiffbrüchige fahnden nach dem Sinn und Wert des Lebens:Das Jugendensemble 7 des theater im e.novum zeigt „Teufelsdutzend“

Nebel. Kalt. Ein einsames Boot. Ein Rettungsboot. Mitten im Meer. Darin zwölf junge Menschen. Schiffbrüchige: So beginnt das neue Stück des Jugendensembles 7 des „theater im e.novum“. Die Lage ist ernst, kein Ausweg in Sicht. Sie leben auf Treibgut, sie sind das Treibgut. Mitten auf dem Meer fragen sie sich, wie sie überleben sollen. Denn eins ist klar: Der Proviant reicht nicht für alle, und er reicht auch nicht ewig. Da entdeckt die Gruppe einen weiteren Passagier. Seiner roten Haare wegen nennen sie ihn „Füchslein“. Er ist die Nummer 13, und das bedeutet ja bekanntlich Unglück. Nicht umsonst wird die Zahl das „Dutzend des Teufels“ genannt. Die 13 hat sich ihren schlechten Ruf erworben, weil sie das harmonische Zwölfersystem überschreitet, das sich unter an­derem in Stunden, Monaten, Tierkreiszeichen und auch in der Anzahl von Jesus’ Jüngern widerspiegelt. Im Märchen Dornröschen spricht die 13. weise Frau des Landes, die nicht zur Geburtstags­feier von Dornröschen eingeladen ist, einen Fluch auf die junge Prin­zessin aus, und im Tarot ist die 13 dem Tod (La Mort) zugeordnet.
„In unserem Stück geht es sowohl um das Leben wie auch um den Tod und die damit verbundenen Abgründe“, sagt Margit Weihe. Die Theaterleiterin inszenierte „Teufelsdutzend“ mit Jugendlichen zwischen 17 und 19 Jahren und hat es auch für ihre Gruppe textlich passend überarbeitet.
Der Untertitel „Das Floß der Medusa“ ist angelehnt an eine Schiffs­tragödie, die sich 1816 vor der westafrikanischen Küste ereignet hat. Die Medusa, eine französische Fregatte mit rund 400 Menschen an Bord, war auf eine Sandbank gelaufen, steckte fest und drohte zu kentern. Die Rettungsversuche waren so dilettantisch organisiert wie die ganze Schiffsreise. Gerade mal für die Hälfte der Passagiere gab es Plätze in den Rettungsbooten, die keineswegs Frauen und Kindern vorbehalten waren. Es sollte sich vielmehr eine kleine Gruppe im Kampf „Alle gegen Alle“ auf hoher See durchsetzen. Statt sich gegenseitig zu helfen, töteten sich die Menschen gegenseitig, verschlangen das Fleisch der Leichname oder warfen sie ins Meer. Der französische Maler Theodore Géricaults zeichnete nur drei Jahre später ein düsteres Bild der Geschehnisse, das heute weltberühmt und im Louvre zu sehen ist. Es zeigt die toten Schiffbrüchigen in der wilden Flut, das Entsetzen der Überlebenden und ihre Hoffnung auf Rettung, die am Horizont auftauchen könnte.
Anfang der 1940er-Jahre inspirierte den Dramatiker Georg Kaiser ein Zeitungsartikel, der von einer Gruppe Kinder berichtete, die aus bombardierten Städten Englands nach Kanada gebracht werden sollten, und deren Dampfer „Medusa“ torpediert wurde. Nur wenige der Kinder kommen in seinem Stück in einem Rettungsboot davon: sieben Jungen, sechs Mädchen — angeführt von den beiden starken Persönlichkeiten Ann und Allan. Der Überlebenskampf auf hoher See und die damit einhergehende Preisgabe moralischer Regeln inspirierte schließlich den österreichischen, mehrfach preisgekrönten Schriftsteller Franzobel (Franz Stefan Griebl) zu einem Roman, der letztes Jahr, von Kritikern hochgelobt, erschienen ist.
Das Stück des Jugendensembles 7 ist keiner Zeit und keiner realen Katastrophe zugeordnet. Es setzt sich vor allem mit den Fragen der sozialen Verantwortung, der Ethik und Moral in unserer Gesellschaft auseinander — und dem hermetischen Ausgeliefertsein auf einer schwimmenden Insel aus Holz.
Margit Weihe, die durch die Buchlektüre von Franzobels Roman auf die Stückidee kam, sagt: „Wir haben uns im Vorfeld ethische Fragen gestellt und gleichzeitig diskutiert, ob solche Fragen überhaupt in Extremsituationen gestellt werden dürfen: Wer hat das Recht zu überleben? Auf wen kann die Gemeinschaft am ehesten verzichten? Kann ich mit der Schuld am Tod eines anderen Menschen leben?“
Matz Materne, der als Allan einen der beiden Anführer spielt, er­klärt: „Für uns alle ist es eine große Erfahrung zu beobachten, was die Situation mit dem Charakter der Figuren macht und wie viel Kraft es sie kostet, sich unter Kontrolle zu halten.“
Am Ende von sechs langen Tagen und sechs langen Nächten stellt sich für einen der Teenager die Frage, ob er überhaupt gerettet werden will, um zurückzukehren in eine Welt voller Egoismus, Borniertheit, Skrupellosigkeit und abstruser Ideologien. Inga Donning, die als Ann die zweite Hauptrolle spielt, ergänzt: „Wir werden die Fragen nach dem Sinn und Wert eines Lebens nicht klären können, möchten aber mit unserem Stück die Zuschauer zum Nachdenken bringen.“(if)

Foto: Hans-Jürgrn Wege

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