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Mit Kuhfuß und Atemschutz

geschrieben von Christiane Bleumer im Mai 2017

Auf dem Meere 17: Das Traumhaus von Kerstin Kessel und Burkhard Schmeer

Der in Lüneburg am häufigsten beachtete „Probenraum“ ist vermutlich unter der Adresse Auf dem Meere 17 zu finden. Viele Gäste der schönen alten Hansestadt spähen beim abendlichen Spaziergang in die beleuchteten Fens­ter des Altstadthauses von Burkhard Schmeer und seiner Frau Kerstin Kessel — und werden nicht selten Zeugen eines seltsamen Treibens. Im Winter proben der Schauspieler, seine Frau, die Tänzerin und etliche Kollegen und Freunde möglicherweise gerade ihr „schräges“ Weihnachtsmärchen, das zur Adventszeit mehrfach im Huldigungssaal des Lüne­burger Rathauses aufgeführt wird. Derzeit bekommen Neugierige Proben zu „Dr. Schmeers schwarzes Lustspielspektakel“, zu sehen, das ab 11. Mai im Theater Lüneburg gezeigt wird. „Wir haben hier manchmal so viele Zuschauer — das ist dann fast schon wie im Theater“, sagt Burkhard Schmeer augenzwinkernd.
Gleichzeitig gewähren die großen Erdgeschossfens­ter zur Straßenseite auch Einblicke in ein jahrhundertealtes Haus, das der Schauspieler und seine Frau im Mai 2004 kauften, und in das sie gut zwei Jahre später, nach umfangreichen Umbauarbeiten, einzogen. Das große Wohnhaus mit der charakteristischen blau gestrichenen Rokokotür habe damals drei Wohnungen beherbergt, erinnert sich Kerstin Kessel.

Zu Beginn des 18. Jahrhunderts lebte hier die Witwe des Landmarschalls von Meding,später ein Kornkäufer, ein Branntweinbrenner und 1765 ein Leineweber.

as Paar, das damals noch in der Schröderstraße lebte, hatte schon länger ein Auge auf das Objekt geworfen. Als die Besitzerin verstarb, ging das Haus an eine Erbengemeinschaft, die es veräußern wollte und über einen Makler anbot. „Wir haben dessen Anzeige in der Zeitung gesehen und aus der Beschreibung geschlossen, dass es sich nur um dieses Gebäude handeln konnte. Zwei Stunden später fand die Besichtigung statt und nur kurze Zeit später war schon alles unter Dach und Fach“, berichtet Burkhard Schmeer. „Nun wohnen wir in einem wundervollen Haus mit Garten in der schönsten Straße der Stadt“, freut sich das Künstlerehepaar.

Doch wie bei den meisten Lüneburger Häusern mit Geschichte war es ein langer Weg bis zum endgültigen Einzug. Dass die Bausubstanz im Großen und Ganzen in Ordnung war, ließen sich die Hausbesitzer von einem Fachmann bestätigen. Dennoch wartete jede Menge Arbeit, nachdem im Juni 2004 die Schlüsselübergabe stattgefunden hatte. Ein so genannter Kuhfuß und ein Atemschutz zählten seither zum Standardwerkzeug des Ehepaars, das das Entkernen in Eigenregie übernahm. „Wir mussten jeden Tag aufs Neue improvisieren, ähnlich wie bei unserer Arbeit im Theater.“ Schließlich hatten die beiden nur eine grobe Richtung und noch keinen detaillierten Plan, als sie mit den Arbeiten begannen. „Viele Ideen haben wir während des Arbeitsprozesses wieder über den Haufen geworfen“, ­beschreibt Burkhard Schmeer die Restaurierung des historischen Gemäuers. Kers­tin Kessel kann den Baumeistern vergangener Zeiten nur jede Menge Respekt zollen, mit wie viel Bedacht die Häuser im gefährdeten Senkungsgebiet in Lüneburgs west­licher Altstadt errichtet wurden.
An der Stelle ihrer „alten Dame“, wie die Tänzerin das Haus liebevoll nennt, müssen vor Jahrhunderten zwei so ge­nannte Buden unter einem Dach gestanden haben. Deren Besitzer sind für den Anfang des 15. Jahrhunderts in den Archiven zu finden, vermutlich handelte es sich um Handwerker.

Die Berufe der späteren Besitzer, wie sie den Verzeichnissen zu entnehmen sind, geben einen Einblick in die Tätig­keiten der damaligen Zeit. 1561, darauf lässt zumindest das Dachwerk schließen, errichtet wohl Jürgen Bungemann das Haus Nr. 17. Ihm folgte Andreas Hobermann als Grützmacher, was damals ein ehrbarer Müllerberuf war. Die er­haltenen Unterlagen weisen etliche weitere Besitzer auf, die teilweise auch die benachbarte Nr. 16 betreffen; es muss also noch recht lange eine — wie auch immer geartete — Verbindung zwischen den Häusern gegeben haben. Auch Schuster und Menschen, die in der nahen Saline arbeiteten, bewohnten die Gebäude, bis das Haus Nr. 17 schließlich zu Beginn des 18. Jahrhunderts der Witwe des Landmarschalls von Meding eine Heimstatt bot. Später lebten hier ein Kornkäufer, ein Branntweinbrenner und 1765 ein Leineweber.
Bei so vielen Bewohnern und Besitzern ist es kein Wunder, dass Burkhard Schmeer und seine Frau bei den Renovierungsmaßnahmen auf die eine oder andere Überraschung stießen. So entdeckten sie während der Sanierung eine Stuckdecke im Erdgeschoss, deren erhaltene Stuckprofile auf die Zeit des Rokoko schließen ließen. Behutsam wurde diese von Kerstin Kessel in wochenlanger Detailarbeit freigelegt. „Eine feinmotorische Meisterleistung“, wie ihr Mann bis heute bewundernd anerkennt. Was genau die Szene darstellt, ist nicht eindeutig zu klären. Die abgeschlagenen Arme und Beine und ein angedeuteter Hügel lassen das Ehepaar vermuten, dass sie möglicherweise die Schlacht auf dem Kalkberg zeigt.

Ein weiterer Fund war ein Lehmberg unter dem Haus, den man freilegte, als man unter dem Gebäude nachträglich ein Fundament errichtete, um weiteren Senkungsschäden vorzubeugen. „Recherchen ergaben, dass an diesem Ort ein Kachelbauer seine Fliesen herstellte“, berichtet der Burkhard Schmeer. Als Schnitzer der Holzvorlagen vermutet er Albert von Soest, der auch die prachtvolle „Große Ratsstube“ des Lüneburger Rathauses geschaffen hat. Interessant sei auch die Entdeckung gewesen, wie groß so genannte Holzwürmer oder Hausböcke damals waren. Tunnel und Gänge in den alten Holzbalken mit oft mehreren Zentimetern Durchmessern zeugen von der unbeirrbaren Aktivität dieser Schädlinge über die Jahrhunderte.
All dies ist in mehreren Bautagebüchern festgehalten. Aktenordner mit unzähligen Papieren, Bauanträgen, Plänen und natürlich Rechnungen zeugen von der Arbeit an dem Haus, in das das Ehepaar Schmeer/ Kessel im September 2005 einzog, wobei zu diesem Zeitpunkt das Finale der Restaurierung längst noch nicht erreicht war. Trotz aller Mühen hat es sich am Ende gelohnt, sind sich die beiden einig: „Wie würden es jederzeit genauso machen.“(cb)

Fotos: Enno Friedrich

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