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Zuchthaus für den Feuerteufel

geschrieben von Christiane Bleumer im Februar 2017

Der Brandstifter Herbert Rademacher hielt ganz Lüneburg in Atem

Die Freiwillige Feuerwehr Lüneburg ist tagtäglich ehrenamtlich für die Sicherheit der Hansestadt und deren Bewohner im Einsatz – und das seit über 150 Jahren. In einer kleinen Serie widmet sich das QUADRAT der wechselvollen Geschichte „unserer“ Feuerwehr und erinnert dabei auch an einige Aufsehen erregende Einsätze, die bis zum heutigen Tag in der Hansestadt geleistet werden mussten.

Vor mehr als 60 Jahren war Lüneburg für kurze Zeit deutschlandweit in aller Munde. Nicht nur die Taten des jungen Herbert Rade­machers, sondern auch der nachfolgende Prozess nach der Ergreifung des so genannten Lüneburger Feuerteufels, hielten die Republik in Atem. Der zur Tatzeit 19-jährige Hilfsarbeiter und „Nachkriegsdeutschlands erfolgreichster Brandstifter“, wie ihn der Spiegel in einer Juni Ausgabe des Jahres 1960 betitelte, hatte in Lüneburg zahlreiche historische Gebäude in Brand gesteckt und einen Schaden von rund drei Mio. Mark angerichtet. Die Lüneburger Feuerwehr, damals noch in der Katzenstraße angesiedelt, wurde vor große Herausforderungen gestellt, ließ doch die Anzahl und auch das Ausmaß der Brände im Zentrum der alten Salz- und Hansestadt recht schnell den Verdacht aufkommen, dass es sich um ein und denselben Täter handeln musste. All dies geschah innerhalb weniger Monate von Dezember 1959 bis Februar 1960 – dramatische Zeiten, die vielen älteren Lüneburgern bis heute im Gedächtnis geblieben sind. „Die Bevölkerung und auch die Feuerwehr fand damals in diesen Wochen keine Ruhe“, berichten Bernd Rothard und Dieter Heidorn, die als Kameraden der Altersabteilung Experten für die Geschichte der Lüneburger Feuerwehr sind und dafür ein umfangreiches Archiv betreuen.

das zu dieser Zeit als Lagerhaus und Jagdmuseum genutzt wurde. „Am Abend des 22. Dezember gegen 22.00 Uhr brach das Feuer aus“, erzählt Bernd Rothardt. Nur der charakteristische Barockgiebel, der auch heute noch das Gebäude prägt, konnte gerettet werden. Zu der Zeit sei dies einer der größten Einsätze der Feuerwehr gewesen, berichtet die Chronik der Feuerwehr, die 2014 zum 150-jährigen Bestehen dieser Institution herausgegeben wurde. Doch damals konnte noch niemand ahnen, dass dies nur der Beginn einer verheerenden Brandserie war. Bereits eine Woche später folgte der nächste Brand. Erst ging es um eine vergleichsweise kleine Brandstiftung in der Fahrkartenausgabe des Bahnhofs Lüneburg-Süd, doch nur wenig später folgt der zweite Alarm. Die Ratsbücherei mit ihren unermess­lich reichen Buchschätzen stand in Flammen. Zahlreiche Wiegendrucke und Erstdrucke aus der Re­formationszeit wurden durch das Feuer zerstört oder durch das Löschwasser beschädigt. Rätselhaft wurden die Ereignisse des Tages, als schließlich noch in das Museum an der Wandrahmstraße eingebrochen wurde und wertvolle Ausstellungsstücke verschwanden.

Etwas mehr als zwei Wochen später, in der Nacht zum 14. Januar 1960, hatte die Lüneburger Feuerwehr mit einem weiteren Großbrand zu tun. Durch drei vorsätzlich gelegte Brandstellen im Restaurant „Zur Krone“ in der Heiligengeiststraße wurde der historische Gastraum und Teile des Mobiliars zerstört. Spätestens jetzt waren die Ereignisse nicht mehr nur für die Lüneburger Bevölkerung rätselhaft und bedrohlich. Viele Presseorgane der Bundesrepublik beschäftigten sich mit dem Fall. So berichtete der Spiegel in der Ausgabe 5/1960: „Nicht nur für das Lüneburger Rathaus ist seit einigen Wochen Sonderschutz angeordnet: In sämtlichen städtischen Ämtern sind Nachtwachen auf Posten gezogen; die Kirchen bleiben nachts hell erleuchtet, und auf den Betbänken kauern einsame Aufseher; zahlreiche Firmen haben ihre Belegschaft schichtweise zum Nachtdienst eingeteilt.“„Kopflos waren die Lüneburger, ratlos die Kriminal­polizei“, brachte es die „Zeit“ in einer Januarausgabe auf den Punkt. Die Wachen und eine aufmerksame Bevölkerung konnten nicht verhindern, dass es zu einer letzten großen Brandstiftung am 27. Januar kam, bei der ganz in der Nähe des Alten Kaufhauses der Viskulenhof betroffen war und der Dachstuhl und angrenzende Teile völlig zerstört wurden.
Inzwischen hatte sich der Begriff „Feuerteufel von Lüneburg“ für den bis dahin unbekannten Brandstifter durchgesetzt. Bisher waren alle Hinweise aus der Bevölkerung nutzlos, doch Anfang Februar wendete sich das Blatt. Ein am 22. Januar in der Scharnhorstkaserne gestohlenes Schnellfeuergewehr lieferte bei seiner Entdeckung in einer Gartenlaube Hinweise auf Herbert Rademacher, der als Dieb der Waffe angenommen werden konnte. Weil seine Schwester ihn gewarnt hatte, flüchtete der Verdächtige, konnte aber schließlich in Kehl am Rhein gefasst werden. Auf der Rückfahrt nach Lüne­burg gestand er sowohl die Brandstiftungen als auch diverse Einbrüche. Zudem konnte die Polizei später etliches Diebesgut in seiner Wohnung finden. Der inzwischen 20-Jährige wurde am 4. Juli 1960 nach nur wenigen Prozesstagen vom Landgericht Lüneburg zu 15 Jahren Haft verurteilt.
Was den Hilfsarbeiter zu seinen Taten getrieben hat, konnte auch durch den bestellten Göttinger Psychiater nicht zweifelsfrei geklärt werden: „Rade­macher“, so sagte dieser „ist eine frühreife Verbrecherpersönlichkeit, die von einer schlechten Erbanlage, ungünstigen Umwelteinflüssen und erlebnisbedingten Eigenschaften bestimmt ist, von Triebhaftigkeit, Reizbarkeit, Geltungssucht, starker Empfindlichkeit in eigener Sache, blindem Draufgängertum, ausgesprochenem Mut, schneller Entschlusskraft und einem Leitbild, das die Heldenrolle eines Gangsters von düsterer Größe zeigt.“

Aber dann sprach der Psychiater auch von „gewinnenden Eigenschaften“ – etwa von der Fähigkeit Rademachers, für seine Schandtaten einzustehen. (Zeit: Ausgabe vom 24.6 1960.)
Verschiedenste Gerüchte hätten seit der Verur­teilung die Runde gemacht, wissen Dieter Heidorn und Bernd Rothardt. So sei erzählt worden, Rademacher habe sich 1971 in der Haft aufgehängt. Belegt sei dies jedoch nicht, sagen die beiden Archivare. „Herbert Rademacher ist am 17. April 1996 eines natürlichen Todes gestorben“, berichten sie und verweisen auf Recherchen der Staatsanwaltschaft Hildesheim. Das ebenfalls verhängte 30-jährige Betretungsverbot für Lüneburg habe Rademacher aber wohl nicht eingehalten. „Es gab immer wieder Gerüchte, dass er in Lüneburg ge­sehen worden ist.“ Doch mit den Brandstiftungen war es erstmal vorbei. Die Lüneburger konnten wieder beruhigt schlafen.(cb)
Fotos: Feuerwehr Lüneburg Archiv / Salzmuseum Lüneburg
Foto: Enno Friedrich

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