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„Ice-Society“dreht völlig durch

geschrieben von Caren Hodel im Juli 2019

Allgemeine Besonderheiten von Caren Hodel

okemon“, „Raver’s Dream“, „Delfino“, „Limone al Basilico“ – die Eisdiele hat endgültig ihr lang bewahrtes Stadium der Unschuld verloren. Inzwischen liest sich das Sortiment ja fast wie eine Cocktailkarte. In solchen Momenten denke ich wehleidig an früher zurück: Damals, als ich so alt war wie meine Jungs und der bunt bemalte Eiswagen durch die Straßen klingelte. Damals, als die Kugel noch 20 Pfennig kostete und der Name der Sorte das wiederspiegelte, was man auf der Zunge schmeckte.
Insgeheim hoffe ich ja, dass die Retro-Welle auch auf die Eisdielen überschwappt. Was theoretisch ja gut möglich ist. Ach, das gute alte Dolomiti. Kennen Sie sicher, oder? Das grün-rot-weiße Wassereis mit den drei Zacken war in den 70ern und 80ern der absolute Renner, ehe es 1987 klammheimlich wieder aus den Kühltruhen verschwand. Zahlreiche Fans hatten sich in Facebook-Petitionen für eine Neuauflage stark gemacht. Mit Erfolg!
Aber zurück zum Kugel-Eis. Damals regierte jedenfalls noch die bewährte, eisige Dreifaltigkeit aus Schoko, Vanille und Erdbeere. Wenn es hoch kam, setzte das Schlumpfeis himmelblaue Akzente. Und heute? Heute gleicht die moderne Eis-Theke einem XXL-Tuschkasten. Im gefühlten Zwei-Wochen-Takt kommen neue Sorten dazu und verdrängen ausgelutschte Vorgänger. Deutschlands „Ice-Society“ versucht eben, sich mit aberwitzigen Kreationen gegenseitig zu übertrumpfen. Manche Sorten propagieren wohltuende Wirkung („Buttermilch Aloe Vera“), andere wecken versteckte Sehnsüchte („Wolke Sieben“) und wieder andere geben einfach nur Rätsel auf („Willy Wonka“).
Meine Kinder interessierte diese fragwürdige Entwicklung herzlich wenig. Genussvoll pressten sie ihre Nasen an die kühle Glasfront und wühlten sich mit den Augen durch die bunte Vielfalt. Ich war noch völlig ratlos, als Jaro bereits entschlossen auf eine Kreation in zartem Grün zeigte. Die Masse war durchzogen von braun-schwarzen Streifen und trug den verheißungsvollen Namen „Amadeus Mozart“. Während die freundliche Verkäuferin die Kugel auf das Hörnchen stülpte, ließ ich den Blick noch immer über die Eissorten schweifen und fragte mich, wie wohl das jeweilige Eis zu seinem Namen gekommen war und warum „Stracciatella“ überhaupt noch „Stracciatella“ und nicht „Pollock“ hieß.
Jonne hatte es derweil auf einen giftgrünen Schleim mit weißer Creme abgesehen, der ein bisschen nach Shreks Nasensekret aussah: Marshmallow-­Limette. Nun war ich an der Reihe. Die Verkäuferin schaute mich erwartungsvoll an. Als moderner junger Mensch müsste ich jetzt irgendwas junges und modernes wählen, aber ich orderte „Vanille-Schoko“. Die Eisdame musterte mich eiskalt, dann schaute sie meine Jungs an – mit einem Blick, der sagte: „Kinder, ihr helft eurer Mama aber nachher über die Straße, oder?“

Illustration: Varvara Gorbash

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