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Re(h)agieren Sie rechtzeitig

geschrieben von Irene Lange im Oktober 2019

In diesem Jahr verkündete die Deutsche Wildtierstiftung: „Tier des Jahres 2019“ ist das Reh. Es ist ein Wildtier mit einer besonderen Ausstrahlung. Gerade in der Blattzeit sollten Autofahrer besonders aufmerksam sein 

ehe wirken in ihrer anmutigen Schönheit sanft und dennoch kraftvoll. Sie sind in freier Wildbahn gut zu beobachten – wenn man sich ruhig verhält. Ihre fast ohne Bodenberührung schwebenden Sprünge durch Feld, Wald und Flur sind ein beeindruckendes Schauspiel. Große dunkle Augen, die oft zitierten Rehaugen, beherrschen den auf geschwungenem Hals getragenen Kopf mit oval zugespitzt aufrechtstehenden Ohren, den Lauschern. Auffällig ist das weiße Hinterteil, der sogenannte Spiegel, im Unterschied zum braun-roten Farbton des Körperhaars. Die langen Beine enden in zierlichen Hufen, den Schalen, die auf weichem Boden oder im Schnee eine unverkennbare Spur hinterlassen.
Rehe gelten als sogenannte Trughirschart und kommen in ganz Europa und Teilen Kleinasiens vor. In Deutschland sind sie die häufigste Wildart. Dennoch werden diese Tiere in der Öffentlichkeit wenig wahrgenommen. Normalerweise bevorzugen sie ein standorttreues Leben in Wald und Flur. Rehe sind als reine Pflanzenfresser auch Wiederkäuer. Allerdings grasen sie nicht wie Kühe, sondern naschen eher leckere Kräuter oder verbeißen zielsicher Triebe und Knospen von jungen Bäumen. Das macht sie nicht beliebt bei Förstern und Waldbauern. Das geht soweit, das mancherorts Rehe sogar als Schädlinge gelten.
Mit der Wahl zum Tier des Jahres 2019 macht die Deutsche Wildtier-Stiftung deutlich, dass Rehe einen festen Bestandteil in Wald und Flur darstellen. Sie verdienen genauso wie alle anderen Wildarten eine waidgerechte Behandlung. Der Naturschutz­beauftragte des Landkreises Lüneburg, Torsten Broder, erklärt dazu: „Waidgerecht bedeutet im Grundsatz, den Bestand nachhaltig zu erhalten“.
Bei Jägern und Feinschmeckern hingegen ist Rehwild als Wildbret sehr gefragt. Die Jagdstrecken sind je nach Bestand durch die Untere Jagdbehörde fest­gelegt worden. So ist in den Jahren 2017/18 beispielsweise mehr als eine Million Rehe in Deutschland erlegt worden; etwas weniger als in den Vor­jahren. Zudem ist es eine grausame Tatsache: Jedes Jahr werden bei der Wiesenmahd tausende Rehkitze zerstückelt, ebenso wie andere Wildtiere und Bodenbrüter, die in den Wiesen Schutz suchen. Broder, selbst Jäger, sagt dazu: „Hier ist eine gute Zusammenarbeit zwischen Jäger und Naturschutz gefragt. Aber diese sinnlosen Tode tun mir richtig weh.“ So biete er Landwirten an, vor der Mahd mit seinen ausgebildeten Jagdhunden die Wiesen abzugehen, um dort eventuell versteckte Jungtiere zu warnen. „Aber niemals ein Rehkitz mit bloßen Händen anfassen“, warnt er. „Das Muttertier würde es nicht mehr annehmen“. Vielmehr rät er, mit Handschuhen und eventuell Grasbüscheln das Tier aufzunehmen und an einen sicheren Ort zu tragen.

„Wenn der Bock die Ricke treibt“, war ein bekannter Sketch mit Loriot als Hobbyjäger und Evelyn Hamann auf Partnersuche, die mehr oder weniger freiwillig an einer verunglückten Pirsch teilnehmen muss. Tatsächlich treibt während der Paarungszeit –die Blattzeit – ab Juli der Bock die Ricke, manchmal tagelang und oftmals im Kreis, bis sie sich letztlich paarungsbereit erweist. Zudem verjagen die älteren Böcke die jüngeren Konkurrenten, die sich dann neue Reviere suchen müssen. Die meisten Unfälle mit Rehen geschehen dann auch in der Blattzeit. Denn die beiderseitigen Hormonwallungen der Tiere lassen jede Vorsicht vergessen. Daher sollten Autofahrer darauf gefasst sein: Wo ein Reh ist, folgt meist das zweite! Runter vom Gas! Broder erklärt dazu: „Ab 70 Stundenkilometern kann das Reh kreuzenden Autoverkehr nicht mehr einschätzen“. Daher sollten die aufgestellten gelben Dreibeine an den Straßenrändern ernst genommen werden. Reagieren Sie rechtzeitig, meist ist es hier schon zu Unfällen gekommen.
Normalerweise kann das Reh ein Alter bis zu 12 Jahren und ein Gewicht von 15 bis zu 25 Kilogramm erreichen. Nach der Blattzeit schließt sich das Rehwild im Winter zu Gruppen zusammen, den sogenannten Sprüngen. Äsen, Wiederkäuen, Schlafen – damit verbringen die Tiere den größten Teil des Tages. Der Rehbock ist stolzer Träger eines Geweihs beziehungsweise ­Gehörns, das aus zwei runden bis ovalen Stangen bis zu einer Länge von 15 bis 20 cm und 2 bis 4 Enden pro Stange besteht. Das wird auch beim Ausfechten und Verteidigen der Rangordnung eingesetzt.

Nach der Paarung im Sommer entwickelt sich das befruchtete Ei bei Ricken durch die sogenannte Ei­ruhe erst ab Ende November. Die Kitze kommen dann im Mai und Juni zur Welt. Ihre Zahl ist abhängig vom Alter des Muttertiers und dessen körper­licher Verfassung. Meist kommen Zwillinge, seltener aber auch Drillinge zur Welt. Nach der Geburt verharrt bzw. drückt sich das Kitz an einem sicheren Liegeplatz. Bei Gefahr verteidigt die Ricke ihr Kitz, indem sie mit den Vorderläufen gegen den Feind ausschlägt und ihn auf diese Weise in die Flucht treibt, was jedoch nicht immer gelingt. Ohnehin haben Rehe eine Reihe Fressfeinde, die ihnen gefährlich werden können. Dazu zählen Fuchs, Wildschwein, wildernde Hunde und nicht zuletzt der Wolf; in manchen Gegenden der Luchs. Dennoch ist das Reh in der europäischen Kulturlandschaft eine ausgesprochen häufige Art und gehört in Deutschland nicht zur bedrohten Art. So verzeichnet der Landkreis einen guten Bestand, aber in den Wolfsgebieten erkennbar abnehmend.
In Deutschland dürfen jährlich etwa eine Million Rehe erlegt werden. Doch viele von ihnen sterben den Verkehrstod, tausende Kitze fallen den Mäh­maschinen zum Opfer. Immerhin kommen die verschiedenen Projekte der Deutschen Wildtierstiftung auch dem „Tier des Jahres 2019, dem Reh“ künftig zugute. Denn überall, wo sich die Stiftung für den Lebensraum von Wildtieren einsetzt, sind auch Rehe zuhause.
Nicht immer zur Freude der in der Nähe von Parks, Gartenanlagen oder am Stadtrand wohnenden Lüneburger Gartenfreunde. Da können Rehe als Mitnutzer aufkreuzen, um Rosen, Clematis und viele andere Gartenpflanzen zu verbeißen. Meist erscheinen sie nachts. Ein Zaun mit 1,5 Meter Höhe oder Wildverbrämungsmittel schützen vor den ungebe­tenen Gästen. Broder lächelnd: „In letzter Konsequenz die Rehe einfach fressen lassen und das als persönlichen Beitrag zum Erhalt dieser wunderschönen Tierart betrachten“.

Foto: Enno Friedrich
Fotos: 123rf.com © urospoteko, Vera Buhl/CC BY 3.0/Wikipedia

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