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So fit ist Lüneburg für E-Mobilität

geschrieben von Sebastian Balmaceda im Oktober 2019

Immer mehr Autos haben das „E“ für Elektromobil im Kennzeichen – auch in Lüneburg. Doch wie sind Stadt und Landkreis auf die wachsende Zahl der „Stromer“ vorbereitet? 

ür jeden Autofahrer ist die Umstellung vom „Verbrenner“ auf einen Elektromotor enorm. Auch für mich. Ich habe den Sprung ins mobile E-Zeitalter gewagt.
Das Fahrgefühl verändert sich, weil Kraft aus der Batterie viel direkter auf die Straße kommt. Das steckt Wumms hinter. Auf der anderen Seite wirkt sich die Ruhe der geräuscharmen E-Technik auf die Fahrweise aus – postpubertäres Gasgeben und lautes Aufheulenlassen des Motors geht schlicht nicht. Gut so.
Es verändert sich aber vor allem das Tankverhalten – zwangsläufig. Die Klimaschutz-Leitstelle des Landkreises nennt auf Anfrage 36 Lade­orte in Stadt und Kreis mit 70 AC-Wechselstrom und 3 DC-Gleichstrom-Ladepunkten. Stand: Januar 2019. Sie sind für 170 E-Autos – Stand Juni 2018. Sie merken: Frisch ist das Datenmaterial der Behörde fürwahr nicht.
Wo sind die Ladepunkte? Suchen auf luneburg.de und lueneburg.info ergeben: NICHTS! Das ist ein keineswegs für Lüneburg spezifisches Problem. Es gibt keine App, keine Internetseite, keinen Anbieter, der alle verfüg­baren Ladestationen auflistet. Da kochen verschiedene Stromlieferanten, Stadtwerke etc. ihr Süppchen. Dazu kommt: Es gibt kein einheitliches Bezahlsystem und kein einheitliches Tanksystem. Das ist so, als ob man mit seinem Verbrenner nur bei Jet oder Aral tanken, dort aber nur mit einer bestimmten Kredit- oder EC-Karte bezahlen könnte. Undenkbar, aber bittere Realität für E-Mobilisten.
Wer sich zuhause eine eigene Ladestation (Wallbox) installieren möchte, muss natürlich die baulichen Möglichkeiten haben. Es braucht aber auch einen Elek­triker, der das kann. In meinem Fall schickte der von Lünestrom vorgeschlagene Betrieb einen Elektriker, der noch nie eine Wallbox in der Hand hatte. Zudem muss der Zähler eigens vom Netzbetreiber angeliefert werden. Vollgas-Bürokratie!
Letztlich klappte die Installation, jetzt fließt Ökostrom 25 Prozent günstiger in die Autobatterie, weil E-Autos hier bevorzugt werden. Gut. Aber: Wir Niedersachsen haben Pech, denn das Land fördert private Wallboxen nicht – im Gegensatz zu anderen Bundesländern. Das nennt man – wie beim Thema Bildung – Flickenteppich-Politik. Mein Stromanbieter hat mir 10 Prozent Rabatt gewährt.
Flickenteppich! Das gilt auch beim Thema Parken. Seit dem 1. November 2015 (!) dürfen Elektrofahrzeuge beispielsweise in Hamburg an allen Parkscheinautomaten bis zur Höchstparkzeit gratis parken. Und in Lüneburg? Antwort der Klimaschutz-Leitstelle: „Beim Laden ist überwiegend ein kosten­freies Parken möglich, ansonsten ist hier aber bisher nichts geplant.“ Sorry, aber das ist falsch! Zum Beispiel Hinter der Bardowicker Mauer und in der Reitenden Dienerstraße dürfen E-Autos mit Parkscheibe zwei Stunden gratis stehen. Da kennt die Kommune ihr eigenes Angebot nicht. Ohne Worte. Und Lüneburg ist nicht allein! Die geschilderten Probleme sind fast überall die gleichen. Sie zeigen, das E-Mobilität noch längst nicht in den Köpfen der Po­litik, der In­dustrie und auch der Medien-/Werbe­­Branche angekommen ist.
Meine Forderungen: einheitliche Lade- und Bezahl­systeme bundesweit, Meldepflicht aller Lade­sta­tionen für eine bundesweit einheitliche App, einheitliche Förderung in allen Bundesländern. Bisher gilt nur Steuerbefreiung für zehn Jahre sowie 2.000 Euro Kaufzuschuss vom Hersteller und 2.000 Euro vom Staat. Die staatliche Abwrackprämie betrug übrigens 2.500 Euro. Noch Fragen?

Meine Prognose: Wenn der Druck von der Straße zunimmt, wird die Industrie reagieren. Eine Trendwende wird sicher die Einführung des VW ID.3. Niedersachsens Autobauer setzen alles auf eine Karte, die E-Karte.
Wenn genügend Menschen auf E-Mobilität setzen, wird Folgendes passieren: Batterien, die umweltschonender hergestellt werden können, bessere Speichermöglichkeiten regenerativer Energie, ein enges Netz von Schnell-Ladestationen zieht sich fix übers Land. Die Mineralölkonzerne verlieren uns vielleicht als Sprittanker, sie wollen E-Autofahrer aber gern weiter zum (überteuerten) Essen, Trinken und WC-Nutzen an die teuren Tankstellen locken.
Die ersten Super- oder Möbelmärkte locken bereits mit teils kostenlosen Ladestationen. Bald wird es diese überall dort in größerer Zahl geben, wo sich Menschen ein wenig länger aufhalten oder länger parken: Kino, Theater, Spaßbad, Sülzwiesen, Ausflugsziele.
Fazit: Meine E-rfahrungen sind e-rnüchternd, aber auch e-rmutigend. Der Fahrspaß ist sensationell, ich spare gegenüber dem Verbrenner etwa 50 Prozent Betriebskosten, ich fahre sauber und bedachter, weil mein Wagen mir exakt anzeigt, wieviel Energie ich verbrauche.
Für einen Stadtfahrer gibt es keine vernünftige Alternative, zumal mit meinem Kia-E-Soul locker mehr als 500 Kilometer Strecke möglich sind. Ich war im Harz, in Unna und in Hameln und bin stets wieder problemlos nach Lüneburg gekommen. E-xtrem gut.
Foto: Enno Friedrich

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