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Rule Brexitannia

geschrieben im September 2019

an war sich auf den letzten Metern über das kleine Detail „Deal“ oder „No-Deal“ nicht ganz einig. Kann man verstehen, schließlich ist das ein Punkt, den man vorher klären sollte. Und knapp drei Jahre Zeit nach dem Referendum ist für eine solch fundamentale Frage einfach ein zu kurzes Zeitfenster.
Nun soll es im Oktober soweit sein. Erstaunlicherweise jetzt entweder mit Deal oder notfalls auch mit No-Deal. Also ganz ohne Deal, sprich – shocking! – der „Hard Brexit“ ist plötzlich wieder denkbar und allen Ernstes die wahrscheinlichste Variante.
So zumindest der prospektierte Lauf der Dinge; wenn es nach „BoJo“ ginge. Ginge? Geht! Boris Johnson ist mittlerweile Prime-Minister und das hätte vor zwei Jahren auch noch keiner geglaubt.
Dennoch – meine Empfehlung in diesen ex ante Tagen ist simpel: Man sollte sich von dem ganzen Hin und Her nicht verrückt machen lassen. Schließlich hatte schon Winston Churchill 1939 in weiser Voraussicht auf einen EU-Austritt 2019 gesagt: Keep calm and carry on! Und das stimmt ohne Einschränkungen.
Außerdem wurden in jüngster Zeit schon so viele verschiedene Brexit-Szenarien durchgespielt, so dass es jetzt für jede dieser möglichen Ausstiegs-­Varianten einen Plan A, B und C geben sollte. Diese Pläne müsste man einfach aus der Schub­lade holen und abwechselnd oder nacheinander zur Anwendung bringen – und alles wäre wieder gut. Britisch: „Pleasing!“
Etwas problematischer wäre mittlerweile allerdings die von Festland-Europäern hoch favorisierte Ausstiegsvariante: Exit vom Brexit! Also am Ende gar kein Brexit. Liebe Leute, das ist nun wie Shakespeare ohne Drama und Pointe. Völlig daneben. Funktioniert nicht, geht nicht, gibt’s nicht. Denn ein letztendlich abgeblasener Brexit bedeutet juristisch nicht automatisch, dass alles so bleibt, wie es zuvor war. Auch wenn sich faktisch nichts ändert. Für EU-Kenner liegt darin einen erheblicher Unterschied.
Es kann aber auch ganz anders kommen: Einige Experten halten es für immer wahrscheinlicher, dass der Brexit durchaus vollzogen, später aber widerrufen wird. Das ist etwas völlig anderes als der Exit vom Brexit, weil ja dabei zuerst der Rücktritt vom Brexit erfolgt, so dass dieser gar nicht erst stattfindet.
Wenn der Brexit aber doch kommt und dann zurückgenommen wird, heißt das, dass er zuvor schon da war, nachdem er widerrufen wurde. Verstehen Sie? Eigentlich doch glasklar.
Doch richtig „unpleasing“ wird es nur, wenn das absolute und ultimative Schrecken-Szenario greift und alle Varianten gleichzeitig erklärt werden. Also der Exit vom Brexit, der Brexit als solcher und der Exit ohne Brexit. Wie? Sie schütteln irritiert den Kopf? Können Sie sich nicht vorstellen? Ich sage nur: „BoJo!“ und verweise hilfsweise auf die letzten Abstimmungen im britischen Unterhaus. Mal hüh, mal hott. Käme es letztlich so, wüsste wohl keiner so ganz genau, was nun gemeint sei. Einige meinten, sie wären noch drin, während andere bereits so täten, als wären sie draußen. Das Chaos wäre perfekt.
Aller Wahrscheinlichkeit nach müsste in diesem unerwarteten Ausnahmefall sogar die Queen zurücktreten. Und das wäre richtig schlimm. Vor allem für Prince Charles! Charles? Ja, genau: für ihn – da er ja nun schon seit ungefähr 34 Jahren nicht mehr als Thronfolger gehandelt wird und tapfer den Titel des am „längsten verwehrten rechtmäßigen Thron­folgers eines Königreiches auf Erden“ an­strebte.
Dieser schöne Titel: weg. Mit einem Schlag. Tragisch! Und alles nur wegen dieses Brexits.
Käme es so, wäre es wirklich furchtbar. Großbritannien wäre von heute auf morgen isoliert und vom europäischen Festland wie abgeschnitten. Beinahe so wie eine Insel.
Das wäre für alle ein Graus und bitter, weil das doch eigentlich undenkbar ist und nun nicht mehr zu ändern wäre. Wenn man diese schonungslose Wahrheit dem britischen Volk nur vor dem Referendum gesagt und es nicht so belogen hätte, ja dann hätte es mit Sicherheit gegen den Brexit gestimmt.
Oder vielleicht auch dafür. Wir wissen ja: „You never know!“

Fotos: 123rf.com © ricochet64/bartusp

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