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30 Jahre Krieg um Macht und Religion

geschrieben von Irene Lange im Januar 2018

In diesem Jahr jährt sich zum 400. Mal der Beginn einer der schrecklichsten Katastrophen, die das Land erleben musste: Der Dreißigjährige Krieg — ein Kampf um Glaube und Macht mit Millionen von Toten

Drei Jahrzehnte wütete er — von 1618 bis 1648 — mit verheerenden Folgen. Auch Lüneburg wurde von den furchtbaren Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges nicht verschont. Angefangen hatte es eigentlich bereits mit Martin Luther vor 500 Jahren: Seine Reformation spaltete Deutschland über Jahrhunderte in zwei konfessio­nelle Lager. Die Folge war einer der unheilvollsten Krieg auf deutschem Boden, der das Land zum Schlachtfeld der verschiedensten Herrschaftsansprüche machte. Der Glaube wurde schnell zum sekundären Stein des Anstoßes, letztlich waren es vor allem das Streben nach Macht und Reichtum. Man schätzt, dass rund 45 % der gesamten Bevölkerung ums Leben kam, und zwar nicht nur durch Kriegshandlungen, sondern auch durch Krankheiten und Epidemien wie Typhus, Grippe, Ruhr oder Pest.
Der Krieg begann mit dem „Prager Fenstersturz“ am 23. Mai 1618. Da warfen einige Böhmen, die mit der Herrschaft der Habsburger über ihr Land unzufrieden waren, Habsburger Beamte aus dem Fenster der Prager Burg. Das war der Beginn eines böhmischen Aufstands und zugleich des Dreißigjährigen Krieges. Schon im August 1619 entthronten die mehrheitlich protestantischen böhm­ischen Stände ihren streng katholischen König Ferdinand, der gleichzeitig als zweiter deutscher Kaiser in die Geschichte einging, und wählten den pfälzischen Kurfürsten Friedrich V. zum neuen ­König. Doch Truppen der katholischen Liga unter Johann Graf Tilly (1559 – 1632) besiegten 1620 die Aufständischen in der Schlacht am Weißen Berg. Zahl­reiche Gefangene wurden 1821 hingerichtet. Friedrich V. war inzwischen aus Prag geflohen und setzte seinen Kampf mit Unterstützung durch Geld und Hilfstruppen aus England und den Nieder­landen gegen die katholische Liga fort. Im November 1622 musste er jedoch aufgeben; katholische Gruppen konnten nun nach Norden vorrücken. Sie besetzten Teile Niedersachsens und bedrohten zudem die Niederlande. Jetzt schlug die Stunde des dänischen Königs Christian IV., auch er wollte Kriegsruhm ernten. Dazu schloss er 1625 ein Bündnis mit England und den Niederlanden gegen die katholischen Mächte Bayerns und Habsburgs. Nun kam der böhmische Adlige Albrecht von Wallenstein (1583 – 1634) ins Spiel, nachdem Tilly die eingefallenen Dänen schon 1626 zurück gedrängt hatte, aber gemeinsam mit Wallenstein den Krieg jetzt auch nach Dänemark brachte. Das zwang König Christian IV. schließlich aus dem Krieg auszuscheiden. Inzwischen jedoch war ganz Norddeutschland von den bayerischen und kaiserlichen Truppen besetzt worden.
Am 7. April 1630 landete der schwedische König Gustav Adolf mit seinem Heer auf der Insel Usedom, um von da aus ganz Norddeutschland zu erobern. Ernst genommen wurde der Schwedenkönig in der katholischen Liga einstweilen noch nicht, doch sollte er diese bald das Fürchten lehren. Das geschah nach einer furchtbaren Katastrophe, die sich bei der Einnahme Magdeburgs durch Tillys Armee ereignete. Die Stadt wurde in Brand gesetzt, rund 15.000 Menschen starben. Das gab dem protestantischen Norden Deutschland Anlass, sich wiederum mit den Schweden zu verbünden, die ebenso durch Geldzahlungen aus Frankreich unterstützt wurden. Schließlich gelang es dem kleinen schwedischen Heer, Tilly im September 1631 zu schlagen.

Lüneburg selbst blieb bis 1623 im Wesentlichen von den unmittelbaren Auswirkungen des Krieges verschont. Es regierte Herzog Christian von Braunschweig-Lüneburg. Dieser galt nicht gerade als entschlussfreudig, ihm fehlte wohl die notwendige Tatkraft. Auch seine nachfolgenden Brüder August (1633 – 1636) und Friedrich (1636 – 1648) waren nicht mit dieser Charakterstärke gesegnet. Sie fühlten sich hin- und hergerissen, wussten nicht, wie den Interessen und Ansprüchen der Parteien wie Kaiser, Dänenkönig, Schwedenkönig, verwandte Braunschweiger Herzöge, kaiserliche und schwedische Feldherren gerecht zu werden.
Schon Jahre vor Ausbruch des Krieges hatten die Herzöge von Lüneburg zur eigenen Sicherheit in ihrer Celler Residenz eine „Schlosswache“, be­stehend aus 50 Reitern und 200 Fußgängern, auf­gestellt. Anfangs glaubte man sogar, mit dieser „Streitmacht“ der androhenden Gefahr Herr zu werden. Ab 1623 rückte das Kriegsgeschehen jedoch mit dem Eingreifen Christians IV. bedrohlich näher. Der gesamte norddeutsche Raum wurde durch das Auftreten Tillys und Wallensteins von 1625 bis 1630 zum Hauptkriegsschauplatz. Herzog Christian, Regent des Fürstentums Lüneburg, und sein Bruder Georg versuchten weiterhin, sich „durchzumogeln“. Letzterer wurde sogar General des erzkatholischen Kaisers. Es war ein fataler Irrtum zu glauben, dass dadurch Kriegsschäden vom Land abgewendet werden konnten. So war auch das Lüneburger Umland den durchziehenden Heerhaufen ausgeliefert, die vor Raub, Mord und Brandschatzungen nicht zurückschreckten, um von der Bevölkerung Proviant und Transportmittel zu erpressen. Lediglich gut befestigte Städte wagten es, der marodieren Soldatenhafen zu trotzen und konnten der schutzsuchenden Landbevölkerung Aufnahme gewähren. Der enorme Aufwand, den Lüneburg in den Ausbau seiner Befestigungsanlagen investiert hatte, begann sich auszuzahlen.
Eine erste Konfrontation mit einem größeren Heer erlebten die Lüneburger am 23. Dezember 1625. Da stand der von Tilly vertriebene Graf Mansfeld aus Westfalen mit einem 7.000 Mann starken Heer vor den Toren der Stadt. Zuvor war er mit Heer und Tross durch das Fürstentum gezogen und hatte eine Spur der Verwüstung gelegt. Er forderte frische Bespannung für Kanonen und Wagen sowie den Durchzug durch die Stadt unter Nutzung der Ilmenau-Brücke. Dies wurde ihm jedoch verwehrt.
Die Mansfelder quartierten sich nicht nur in den umliegenden Dörfern ein, sondern auch im Kloster Lüne, worauf die Klosterfrauen entsetzt in die Stadt flohen. Immer wieder kam es zwischen den Dänen und Mansfeldern zu Scharmützeln. Dabei ging auch die Hasenburger Landwehr in Flammen auf. Schlimm traf es auch im Winter 1625/26 Bardowick, als niederländische Söldner hier 30 Häuser niederbrannten. Selbst das Domkapitel trat da die Flucht nach Lüneburg an.

b 1626 kamen Salzabsatz und Fernhandel sowie der notwendige Holztransport auf den Straßen durch Sperrung der Elbübergänge fast völlig zum Erliegen. Die geflüchtete Landbevölkerung und deren Vieh sorgten dafür, dass die Stadt aus allen Nähten platzte. Es herrschen katastrophale hygienische Verhältnisse, die Pest brach aus; nach deren Bekämpfung kam die Seuche jedoch im Sommer 1627 verstärkt zurück und konnte erst 1628 wieder bezwungen werden. Insgesamt war der Verlust von ca. 6.000 Menschenleben zu beklagen.
Erneut war die Verstärkung der Verteidigungsmaßnahmen erforderlich. Den Bürgern wurden höhere Abgaben auferlegt, um das sogenannte „Soldatengeld“, die Zahlungen in eine „Defensionskasse“ etc. finanzieren zu können. Die Absatzkrise im Salz­handel hatte zur Folge, dass eine Anzahl Siedehütten die Produktion einstellen mussten. Dazu wurden Schwachstellen der Stadtbefestigung beseitigt, u. a. im Westen, wo in der „Ursulanacht“ 1371 herzogliche Truppen eindringen konnten.
Das Rauben und Morden ging weiter. Die Dänen brannten in Bardowick erneut Häuser nieder, ebenso in Adendorf. Auch halb Winsen fiel den Flammen zum Opfer; hier gebärdeten sich landesfürstliche Söldner schlimmer als die Dänen. Zuvor, Ende ­Juni, erschien gar Tilly vor Lüneburg, versicherte aber, dass die Stadt nichts zu befürchten habe. Diesmal erreichte man durch geschicktes Taktieren und Verhandeln sogar eine Art Vertrauensverhältnis. Vermutlich trug die reichliche Versorgung mit Bier, Wein und Proviant zum Gelingen bei.
Die Bevölkerung stand konfessionell eher auf der Seite der Dänen, die ebenso wie die Celler Herzöge Christian und Georg dem neuen Glauben angehörten. Obwohl diese beiden weiterhin versuchten, sich möglichst aus dem Kriegsgeschehen heraus­zuhalten, wurde im Land weiterhin gebrandschatzt, geplündert und gemordet, zum Teil sogar durch eigene Truppen. Das hatte zur Folge, dass unter der Landbevölkerung eine Massenflucht Richtung Stadt Lüneburg einsetzte, die nun fast aus allen Nähten platzte. Alle Gassen waren voll Kot und verpestet vom Gestank der Kadaver – kein Wunder, dass die Pest bald erneut unzählige Opfer forderte.
Glücklicherweise aber verzog sich Tilly bald in Richtung Holstein und Küste. Das Fürstentum Lüneburg konnte für eine Weile aufatmen. Es konnten eine gute Ernte eingebracht und Vorräte angeschafft werden. 1628 war ein relativ ruhiges Kriegsjahr. Das Leben in der Stadt normalisierte sich, der Salzhandel kam wieder in Schwung, die Siede­hütten wurden wieder betrieben. Doch bereits 1630 war erneut alles durch Blockaden, Konkurrenz und Kriegswirren beeinträchtigt. Lüneburg begann sichtbar zu verarmen.
Im Sommer 1631 drangen die Schweden unter Gustav Adolf bei Lauenburg vor; die Kaiserlichen standen bei Winsen und Bleckede. Das Kriegsgeschehen tobte weiter, mal siegte Gustav Adolf, mal Tilly. Lüneburg selbst war davon wenig berührt. Doch bald war es mit der Ruhe vorbei. Herzog Georg wechselte als kaiserlicher General zu den Schweden über und verpflichtete sich, ein Heer aufzustellen, um die Kaiserlichen aus Niedersachsen zu vertreiben. Als nunmehr schwedischer General wollte er die Zustimmung des Lüneburger Rates erwirken, seine Truppen in der Stadt stationieren zu dürfen – angeblich zur Verteidigung Lüneburgs. Das wurde ihm jedoch strikt verweigert, ebenso dem schwedischen Generals Tott, der bei Bardowick lagerte.
Der Tod Gustav Adolfs von Schweden am 6. No­vember 1632 in der Schlacht bei Lützen war ein schwerer Schlag für die herzöglichen Brüder Georg und Christian, die sich mit Zustimmung des Rates auf die Seite der Schweden geschlagen hatten. 1633 starb Herzog Christian. Sein Nachfolger, Herzog August, war mit der Lüneburgerin Ilse Schmidtchen liiert. Sie hatten zwölf Kinder, die später unter dem Namen „von Lüneburg“ in den erblichen Adelsstand erhoben wurden. Herzog August regierte bis 1636. Als Landesherr gelang es ihm zeitweise, im Fürstentum Ruhe einkehren zu lassen. Ohnehin hatte sich das Kriegsgeschehen mehr nach Süden verlagert.
1635 kam es zwischen dem Kaiser und einigen protestantischen Fürsten zum Friedenschluss, man verbündete sich gegen die Schweden. Auch August und Georg waren dabei. Aus den ehemaligen Verbündeten wurden Feinde. Das schwedische Heer – nun ohne starken Führer – war zu einem plündernden, mordenden, brandschatzenden und folternden Haufen verkommen. Das Fürstentum blieb nicht verschont, die Forderungen der Schweden mussten nun erfüllt werden. Mit einer Zahlung von 34.000 Talern konnte die Gefahr zwar vorerst abgewendet werden. Doch Lüneburg war gänzlich pleite, sodass es sein Ratssilber für 4.500 Taler an Hamburg verkaufen musste.
m Frühjahr 1636 standen sich schwedische Söldner und Truppen Herzog Georgs jetzt als Gegner in der Nähe Lüneburgs gegenüber. Doch wieder lehnte der Rat die Aufnahme einer landesherrlichen Besatzung ab. Nach wie vor war man darauf bedacht, Neutralität zu wahren und eine Konfrontation mit den kampferprobten Schweden zu verhindern. Doch all das nützte nichts, stand doch der schwedische General Banèr im August 1636 mit einer 20.000 Mann starken Truppe und 63 Kanonen vor der Hasenburg. Von der Stadt forderte er entweder die schwedische Besatzung oder die Zahlung von zwei Tonnen Gold. Er bereitete schon einen Kampf vor, indem er Laufgräben gegen die Stadtbefestigung anbringen ließ. Die Stadt zeigte sich wehrhaft und ließ die Kanonen abfeuern, das Ergebnis waren unzählige Tote auf Seiten der Schweden. Dies bewirkte wohl ein Einlenken der Nordmänner, doch nur insoweit, als am folgenden Tag wieder Verhandlungen aufgenommen wurden. Nachdem die schwedische Streitmacht vor dem Roten Tore und Sülzwall Aufstellung genommen hatte, sah sich der Rat letzten Endes gezwungen, den Forderungen nachzugeben. Die Stadt zahlte eine hohe Geldsumme, und schwedische Regimenter besetzten die Stadt. Zudem mussten die Bürger der Königin von Schweden huldigen, die Bürgerwehr wurde dem schwedischen Stadtkommandanten unterstellt. Kurz und gut: Es gab eine schwedische Besatzung, deren Forderungen und Wünschen sich der Rat beugen musste. Vielleicht war die Entscheidung, sich mit den Schweden gut zu stellen, nicht sehr mutig, aber aufgrund der Situation doch recht klug. Denn so wurde die Stadt vor der sicheren Zerstörung und Verwüstung bewahrt.
Lange währte der Aufenthalt des gesamten Schwedenheers in Lüneburg nicht. Banér musste weiter gegen andere feindliche Truppen anrücken, ließ aber eine 300-köpfige Besatzung in der Stadt zurück. Während die Soldaten auf dem Kalkberg untergebracht wurden, residierte der schwedische Obrist Stammer mit Gattin in einem Stadthaus. Der Rat versuchte, alle mit großzügigen Geschenken bei Laune zu halten, bis jetzt war es ihm gelungen, die Stadt vor ihrer Zerstörung zu bewahren.
Dramatisch sollte es noch einmal im Jahre 1637 werden: Da wandte sich der Rat an den Kurfürsten von Brandenburg, der sich bereits 1621 als Schutzherr der Stadt verpflichtet hatte. Man bat um Hilfe gegen die schwedische Besatzung. Schließlich rückten Ende August brandenburgische und kursächsische Truppen gemeinsam mit Herzog Georg und drei Regimentern auf Lüneburg vor. Geplant war ein gemeinsamer Angriff auf die Stadt. Mit Hilfe der Handwerkerschaft zog Georg mit 700 Mann am 3. September durch das Altenbrücker Tor in die Stadt ein, woraufhin der schwedische Oberst Stammer sich mit seinen 300 Soldaten völlig überrascht und kampflos zurückzog. Georg erreichte die Kapitulation der Schweden durch Verhandlungen, die sich daraufhin über Winsen Richtung Wismar zurückzogen. Weil er die Stadt Lüneburg kampflos übergeben hatte, wurde Stammer erschossen. Nun besetzten wiederum Georgs Truppen den Kalkberg. Damit war das Fürstentum Lüneburg endlich frei von fremder Besatzung. Für die Stadt war der Dreijährige Krieg zu Ende, die Nachwirkungen aber trugen noch zum langsamen Niedergang der Stadt bei.
Das übrige Land litt weiterhin unter dem Krieg. Siege und Niederlagen der einzelnen Bündnisse wechselten sich ab. Leidtragende waren die Menschen, die unter Plünderungen, Seuchen und Hunger leiden mussten. In weiten Teilen Deutschlands war die Bevölkerungsdichte um 90 % gesunken, Städte und Dörfer wurden von plündernden und mordenden Söldnerhorden niedergebrannt.
Erst Anfang der 40er-Jahre des 17. Jahrhunderts begannen die kriegsführenden Parteien darüber zu beraten, wie dieser Krieg, der inzwischen ganz ­Europa in Mitleidenschaft gezogen hatte, beendet werden könnte. Mit dem sogenannten „Westfälischen Frieden“ endete der Dreißigjährige Krieg am 24. Oktober 1648.(ilg)
Bild: Wikipedia

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