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Lüneburgs Stadtburg

geschrieben von Prof. Dr. Werner H. Preuß im Januar 2012

Eine Burg, ein Turm und ein Geheimgang in den Liebesgrund

Nachdem die Bürger Lüneburgs 1371 die Burg auf dem Kalkberg gestürmt und die herzoglichen Ritter vertrieben hatten, mussten sie selbst für die Verteidigung ihrer Stadt sorgen. Damals verfügte diese lediglich über recht niedrige Mauern, die heimlich überwunden werden konnten. „Sturmfrei“ war hingegen eine Stadt, wenn ihre Befestigungen so hoch waren, dass Leitern zu ihrer Ersteigung zu schwer zum Aufstellen gewesen ­wären. Bevor Lüneburg um die Mitte des 15. Jahrhunderts seine Befestigung unter großen Anstrengungen ausbauen konnte, war es wiederholt von bewaffneten Scharen bedroht worden. Besonders stark sicherte man die Nordseite. Der hohe Spring­intgut-Turm diente dabei als Ausguck, von dem aus man anrückende Feinde schon in der Ferne er­spähen konnte. Ein Teil der Bardowicker Mauer ist heute noch erhalten.

In der Mitte zwischen der Bastion und dem Bar­dowicker Tore stand der „Goldschmiedeturm“, den man auch den „Dränger“ nannte. Die verschiedenen Handwerke hatten jeweils einen bestimmten Beitrag zur Verteidigung zu leisten. Auf Höhe des Turmes befand sich an der Ecke Bur­mesterstraße / Hinter der Bardowicker Mauer der sogenannte „Marstall“, die frühere Bezeichnung der Pferdeställe für das Militär. Heute steht dort der Gebäudekomplex der Staatsanwaltschaft.

Ein Fachwerkgebäude normaler Bauart hätte den Zweck, Pferde zu stallen, einfach und gut erfüllt. Der Lüneburger Marstall hingegen war eine wahre Stadtburg, wie alte Fotografien zeigen. Etwa 46 Meter lang erstreckte er sich entlang der Bardo­wicker Mauer. Die Dicke der Außenwände lässt sich heute errechnen: Ein Stein im Klosterformat, wie er in Lüneburg üblich war, misst einschließlich Fuge etwa 30 cm. Demnach betrug die Mauer­stärke im Erdgeschoss wenigstens 1,50 Meter, vielleicht sogar mehr als zwei Meter. In den quer verlaufenden Innenwänden erkennt man vermauerte Spitzbögen und einen Gewölbeansatz, in den Außenmauern Rundbögen, die ursprünglich wohl paar­weise mit kleinen Fenstern bestückt waren. Gewaltige Anker verklammerten die Außenwände mit den Deckenbalken des Obergeschosses und des Dachbodens. An den Giebelseiten befand sich jeweils ein großes Tor.

m 19. Jahrhundert befand sich im Marstall-Komplex Lüneburgs erste Zuckerfabrik. Obwohl eine gewaltige Explosion 1889 nur die Zwischenböden einstürzen ließ, während die Außenmauern stehen blieben, wurde der größte Teil des Marstalles 1890 abgerissen. Den Rest des Marstall-Komplexes zertrümmerte 1973 eine der vielen Fall­birnen jener Zeit. Zerstört wurden „zwei rund 500 Jahre alte Gebäude an der Burmeisterstraße, um einem neuen Gebäude der Bezirksregierung Platz zu machen. [...] Die Fallbirne dröhnt so schmerzlich, weil sie nicht nur das historische Straßenbild zerhackt, sondern auch Kunstschätze wie ein gotisches Taustein-Portal vernichtet. Und sie dröhnt besonders laut, weil sie mit den 1,50 Metern ­dicken Mauern viel Mühe hat“, berichtete damals die Niedersächsische Allgemeine Zeitung unter der Überschrift „Mehr als Salz bedroht Beton Alt-Lüneburg“. Die Gebäude waren angeblich bau­fällig und gefährdeten Fußgänger, da gelegentlich Dreck und Schutt von den Dächern herunterfielen.

Curt Pomp erinnert sich an eines der Gebäude, die den bis dahin noch erhaltenen Flügel des Marstall-Komplexes an der Burmeisterstraße bildeten — ein großes Traufenhaus aus Klosterstein-Mauerwerk mit einem Grundriss von etwa 10 mal 20 Metern: „So ein Bürgerhaus hatte ich vorher noch nicht gesehen. Die Außenmauern hatten rundum Stärken von 1,60 Meter, dieses Ausmaß haben vergleichsweise die Mauern der Johanniskirche oder der Stadtmauer von Salzwedel. Gewaltige Formstein- (Wulststein-) Arkaden mit einer Zwillingsbefensterung innerhalb eines Bogens umspannten das Gebäudeinnere. Bei der Demontage eines Wandschrankes, der später in die Mauerstärke eingearbeitet worden war, konnte ich feststellen, dass es sich hier nicht um das bei solchen Dimensionen übliche Schalenmauerwerk handelte, sondern um massiv durchbindende Klostersteinschichten. Zehn Steine stark war diese Mauer, hieran hätte selbst ein mittelalterlicher Mauerbrecher Probleme gehabt. Doch damit nicht genug: Auf der Hofseite hatten die Erbauer mehrere schwere, schräge Stützpfeiler an das massive Haus gesetzt, die den seltsam wehrhaften Charakter noch betonten. In den Hof führte ein schmales gotisches Portal. Die Balkenstärken im Haus waren entsprechend dimen­sioniert, selbst die Eichensparren des Dachstuhls hatten Querschnitte bis 20/20 cm.“ Über das gesamte Obergeschoss zog sich ursprünglich ein einziger Saal mit einem gewaltigen Kamin. Alles erweckte den Eindruck einer kleinen Burg.

„Während dieses Abbruchs kam ich mit einem Arbeiter ins Gespräch“, erzählt Curt Pomp weiter. „Er war am Abriss des ehemaligen Rathsmarstalles, Hinter der Bardowicker Mauer, beteiligt und hatte erlebt, dass der Bagger irgendwo auf dem Hof einbrach und in Schieflage geriet. Der Grund soll ein wasserloser Brunnenschacht von erheblichem Ausmaß gewesen sein. Dieser wurde von den Arbeitern untersucht, so traf man in ca. 2,50 Meter Tiefe auf einen gemauerten Gang, der in Richtung Bardowicker Wall geführt haben soll. Ich hielt diese Geschichte zunächst für ein Märchen, wurde aber einige Zeit später eines Besseren belehrt: Als wegen des Neubaus der Staatsanwaltschaft das ganze Areal ausgebaggert wurde, stieß man an der vorher beschriebenen Stelle auf eine in 2,50 Meter Tiefe liegende Gangöffnung, gerade so groß, dass ein normaler Mensch in gebückter Haltung passieren konnte. Er war sorgfältig in Klostersteinmauerwerk und Gipsmörtel gemauert, 1,5 Steine stark, ca. 55 cm breit und 165 cm hoch. Durch die Rundbogenwölbung war er sehr stabil und konnte erheblichen Druck aushalten.“
Einem genau vermessenen Lageplan im Stadtarchiv zufolge lag der Einstieg in einem Brunnenschacht im Hof des Marstall-Komplexes. Von dort führte der Gang zunächst in einem Bogen, dann geradlinig unter dem mächtigen Bau auf die Bardowicker Mauer zu. Sein Ziel war offenbar der Goldschmiedeturm an der Außenmauer, wo eine verdeckt liegende Pforte vermutlich aus der Stadt hinausführte, denn der Wallgraben lag in diesem Abschnitt weitgehend trocken. Durch den Gang konnte ein Bote unge­sehen ein- und ausgehen oder eine bewaffnete Schar ungehindert zum Gegenangriff auf mögliche Belagerer ausrücken. Darauf deutet auch der Beiname des Goldschmiedeturmes „Der Dränger“ hin, denn „drängen“ als militärischer Begriff bedeutet „angreifen“.

Auf der ältesten Ansicht Lüneburgs von Norden im Fürstensaal des Rathauses (1483) ist der Goldschmiedeturm an der Bardowicker Mauer gut zu erkennen. Hinter der Herzogin Mechtild von Brandenburg verläuft ein Weg von rechts nach links, den zwei Boten (ein Läufer und ein Reiter) nehmen. Der Pfad führt nicht auf das Bardowicker-Tor zu, sondern endet scheinbar im Nichts. Vor dem Goldschmiedeturm steht ein Haus umgeben von Gebüsch, das ein hoher Zaun aus geflochtenen Weiden­ruten zusätzlich vor neugierigen Blicken schützt. Hier war geheimes militärisches Sperrgebiet. Etwa 100 Jahr später endete in der Nähe des Goldschmiedeturms immer noch ein Weg an einem Schlagbaum, doch war aus dem Haus derweilen ein Gehöft geworden. Dort fanden die Boten wohl ihre Pferde, wenn sie aus dem engen unterirdischen Gang ins Freie gelangten. Der Goldschmiedeturm verteidigte den Geheimgang. Hätte der Feind ihn dennoch erobert, so wäre er, ohne schießen zu können, im Gänsemarsch um eine Krümmung ­herum nur in einen Schacht gelangt, aus dem er ohne Leiter nicht hätte heraussteigen können. So schützte der Marstall das Rathaus in seinem Rücken wirkungsvoll gegen Angriffe. Sein eigentlicher Zweck aber blieb so verschwiegen, sodass seine ­Bedeutung als Stadtburg bis heute beinahe unbekannt ist.

Aus: Werner H. Preuß: Steinhäuser – Burgmannenhöfe und patrizische Wohntürme in Lüneburg. Im Auftrag des Arbeitskreis Lüneburger Altstadt e.V. (ALA). Melbeck 2006

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