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Alle Neune

geschrieben von Christane Bleumer im Juni 2018

Eine „umwerfende“ Sportart: Seit über 100 Jahren wird beim Lüneburger Keglerverein 1913 Kegeln als Sport betrieben

Rund, mit spiegelglatter Haptik und etwa drei Kilogramm schwer liegt die Kugel in der Hand. Einen ersten Schritt mit dem linken Fuß, dann mit dem rechten und schließlich mit Schwung noch einmal den linken Fuß zu einem leichten Ausfallschritt nach vorne setzen. Exakt in diesem Moment sollte die Kugel mit ihren etwa 16 Zentimetern Durchmesser mit der optimalen Geschwindigkeit auf die Bahn geschickt werden. Ihr Ziel: Möglichst viele Kegel treffen und somit für ein hohes Punktekonto zu sorgen. Ich muss sehr schnell feststellen, dass dies erheblich einfacher aussieht als es ist, denn der Bewegungsablauf, der bei den Sportlern vom Lüneburger Kegler Verein so selbstverständlich wirkt, stellt Laien-Kegler wie mich vor schier unüberwindbare Probleme. Am Anfang ist die so genannte Pudelrinne mein bester Freund, und wenn die Kugel doch einmal erfolgreich auf der Bahn verbleibt, ist eine Schnecke vermutlich um einiges schneller als sie. Am Ende sind es immerhin vier Kegel, die mein Wurf umlegt. Anfängerglück!
Rechts und links von mir bietet sich dagegen ein ganz anderes Bild. In großer Geschwindigkeit wird eine Kugel nach der anderen ins Rollen gebracht. Nicht selten verkündet die automatische Zähl­anlage mit einem deutlich hörbaren akustischen Signal: „Alle Neune“. Für mich scheint der Weg dorthin noch recht weit, doch damit befinde ich mich wahrscheinlich in guter Gesellschaft mit unzähligen Hobbykeglern, die nur selten Gelegenheit haben, vom Profi die richtige Technik zu lernen. Kegeln zählt tatsächlich zu den ältesten Sport­arten, denn Vorläufer gab es bereits im alten Ägypten. Heute ist es ein echter Volkssport, weiß Wilhelm Kiehn, 1. Vorsitzender des Lüneburger Kegler Vereins von 1913 e.V. Der Verein, kurz LKV genannt, ist Eigen­tümer der Kegelsportanlage Am Schnellenberger Weg 21/22 und verfügt damit über zwölf vollautomatische Bahnen. „Wir haben hier so genannte Bohle-­Kegelbahnen“, erläutert der passionierte Sportkegler. Das bedeute, dass die Bahn an jeder Stelle gleich breit, aber in der Mitte leicht gekehlt ist. Im Gegensatz dazu gibt es noch die Scherenbahn, die völlig eben ist, aber am Ende auseinandergeht. Die Klassikkegelbahn und die Bowlingbahn mit zehn Kegeln sind weitere Varianten beim Kegelsport, die zum Teil regionale Schwerpunkte haben.
„Die Bohle-Bahnen in Lüneburg werden regelmäßig von Hobby-Kegelclubs gebucht, bei denen in erster Linie die Geselligkeit im Vordergrund steht“, erläutert der begeisterte Kegelsportler. Anders verhält es sich bei den rund 15 Sportkegelclubs, deren Mitglieder sich regelmäßig im sportlichen Wettkampf messen. Auf dem Programm stehen Einzel-, Doppel- und Mann­schafts­wettbewerbe, vor allem auf Bezirkes- oder Landesebene, für die regel­mäßig trainiert wird. So ist es auch am heutigen Abend, an dem ich mich davon überzeugen kann, dass Kegeln ein anspruchsvoller und heraus­fordernder Sport ist. „Pro Person werden 120 Kugeln gespielt“, erklärt Pressewart Stefan Gieseking. Bei den zwölf Bahnen der vereinseigenen Anlage bedeutet dies, dass auf jeder Bahn zehnmal gekegelt wird — „und zwar ohne Pause“! Etwa 40 bis 45 Minuten dauert ein Durchgang, was das Kegeln zu einem ausgemachten Ausdauersport werden lässt. Doch vor allem kommt es auf den Auflagepunkt und die richtige Kugelgeschwindigkeit an. „Da ist ausnahmslos eine hohe Konzentration und Präzision gefragt“, hat Wilhelm Kiehn festgestellt, der schon seit vielen Jahren dabei ist. „Nicht zuletzt sorgt die Spannung bei Wettkämpfen für ein gutes Herz-­Kreislauf-Training“, ergänzt er augenzwinkernd. Viele Punktspiele oder Einzelwettbewerbe würden nämlich erst mit den letzten Kugeln entschieden.

Die über 100-jährige Geschichte des Lüneburger Kegler Vereins belegt, dass dieser Sport in der Hansestadt eine lange Tradition hat.

Ein weiterer Vorteil des Kegelns: Anders als viele Sportarten ist Kegeln völlig unabhängig von Wetter, Jahreszeiten oder Alter. Für die passionierten Kegelsportler zumindest steht eines fest: „Nirgendwo kann man besser vom Alltag abschalten als auf der Kegelbahn.“ Dennoch erwacht auch hier, auf der Bahn, regelmäßig der Kampfgeist, denn die Zählgeräte melden unbestechlich die aktuellen Ergebnisse und zeigen damit die Leistungsfortschritte von Breiten- und Leistungssportlern auf den Punkt genau an.
Die über 100-jährige Geschichte des Lüneburger Keglervereins belegt, dass dieser Sport in der Hansestadt eine lange Tradition hat. 1913 gründeten verschiedene Kegelclubs den Keglerverband für Lüneburg und Umgebung. Doch die Bahnverhältnisse waren bis 1926 verbesserungswürdig. Erst, als im gleichen Jahr im Garten der einstigen Gastwirtschaft „Hohengarten“ Am Springintgut, dort, wo heute das Cafe Klatsch zu Hause ist, eine großzügige Anlage mit fünf Bahnen gebaut wurde, verbesserte sich die Situation entscheidend. „Damals hatten die Kegelaufsteller noch richtig viel zu tun“, berichtet Stefan Gieseking. „Denn von einer so modernen Anlage, wie wir sie heute haben, konnte man damals nur träumen.“ Die neue Bahn wurde 1972 eingeweiht und stellt bis heute das Herzstück der Kegelaktivitäten dar. Hier wird zwar hart trainiert, aber die Gemeinschaft der Kegler kommt auch nicht zu kurz. Wer beim Lesen dieses Artikels Lust auf Kegeln bekommen hat, kann sich unter www.lkvkegeln.de informieren. Ich zumindest werde bei den nächsten Gelegenheiten weiter daran arbeiten, meine Technik zu verbessern, um irgendwann auch einmal „Alle Neune“ zu erzielen.(cb)

Fotos: Enno Friedrich
Foto: Archiv Lüneburger Kegler Verein

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