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Alles oder nichts

geschrieben von Sarah Kociok im September 2012

Der Künstler Trica 186 setzte zeitlebens ein Zeichen für eine Anerkennung von Subkultur

Sieg oder Spielabbruch, so könnte man die Lebensphilosophie des überzeugten Lüneburgers Jens Flechtner beschreiben. Unter dem Pseudonym Trica186 wurde er über die Grenzen Niedersachsens hinaus bekannt, nicht nur für seinen signifikanten Graffitistil und sein überdurchschnittliches Engagement innerhalb der lokalen Sprayerkultur. Am 17. Juni 2012 verstarb Jens Flechtner mit nur 41 Jahren an den indirekten Folgen einer chronischen Erkrankung. Die Nachricht verbreitet sich schnell, die ersten künstlerischen und persönlichen Nachrufe von Freunden und Kollegen entstehen immer noch überall in Deutschland.
Neben der Begeisterung für den Fußballverein HSV sowie die Musik- und Partykultur war Graffiti das Leben des gelernten Malers und Lackierers. Ein sauberer Stil und die richtigen Proportionen der Buchstaben untereinander waren ihm besonders wichtig. Trends zur 3D-Ausgestaltung oder kurzfristige Mode­strömungen dieses Genres interessierten ihn eigentlich nie. Seine Buchstaben hatten immer ein bodenständiges Fundament, die bauchige Basis spiegelte seine Persönlichkeit wieder. Zudem verarbeitete er mit Vorliebe so genannte „Charakters“ des Comickünstlers Vaughn Frederic Bodé.
Seinen ersten „Tag“ (englisch: Marke) setzte er nach eigener Zeitrechnung im Januar 1986, seine erste „Wall“ gestaltete er 1992 an der Schule Oedeme, erinnnert sich Freund und Künstlerkollege Ingo. 1995 drohten ihm in Folge einer Anzeige­welle innerhalb der Hamburger Graffitiszene sogar gesetzliche Sanktionen – jedoch kommt der damals noch junge Sprayer mit Bewährung davon. Für Trica 186 verändert sich mit dieser Erfahrung seine Beziehung zur regionalen Szene grundlegend. Der damals knapp 25-Jjährige musste schmerzlich am eigenen Leib erfahren, wie die in sich starke Solidarität der Graffitigemeinschaft sich zeitweise gegen ihn wendete. Aufgrund einer per­sönlichen Beziehung zur Polizei wurde er kurzzeitig als Informant für zahlreiche Anzeigen und Hausdurchsuchungen verdächtigt. Diese Zeit zerrüttete eine Künstlercrew von knapp 40 aktiven Sprayern im Raum Hamburg. Dabei gründen die guten Beziehungen des verstorbenen Künstlers bis heute darauf, dass er als Lüneburger Urgestein stets das Gespräch mit Behörden und Privat­verant­wortlichen suchte, um Graffiti eine Plattform zu bieten.

„Es war ihm immer wichtig, dass Sprayer aus anderen Städten und Ländern zusammenkamen, der Besuch von bekannten Künstlern dieser Szene machte ihn manchmal stolz“, fügt Freund JAYN im gemeinsamen Gespräch hinzu, der selbst seit 2002 gemeinsame Wände mit Jens gestaltete. Durch die stetigen Bemühungen, Wände und Fassaden zu ­organisieren, um diesem Kunstgenre so eine Legitimation zu verschaffen — und durch seine lokale Verbundenheit –, sorgte Jens Flechtner dafür, dass Lüneburg deutschlandweit innerhalb der Szene für seine Vielfalt an legalen Flächen bekannt wurde. Traditionell reisten jährlich Mitte September aus allen Ecken Europas anerkannte Sprayer an, um mit Trica 186 seinen Geburtstag mit einer gemeinsamen „Wall“ zu feiern. Diese Zusammenkunft soll zu Ehren des verstorbenen Lüneburgers auch im diesem Jahr anlässlich des 25-jährigen Jubiläums stattfinden, frei nach dem Motto „Alles oder nichts!“.(sk)

Montage: JAYN