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„Coole Elbstreicher“in Shanghai

geschrieben im Juli 2017

Sie standen bereits mit Udo Lindenberg bei seinem legendären MTV-Unplugged-Konzert im Hotel Atlantic auf der
Bühne, spielten schon unzählige Konzerte, doch Ende Mai dieses Jahres erlebten „Die coolen Elbstreicher“ aus Hamburg
ihr wohl größtes Abenteuer – von Christoph Maria Schwarz

Das etwas andere Jugendorchester, bestehend aus 27 Hamburger Kids zwischen sechs und 17 Jahren, flog auf Einladung der Jincai-­Schule nach Shanghai. Unter den sechs begleitenden Erwachsenen war neben der musikalischen Leiterin Gesa Riedel auch der Lüneburger Fotograf Christoph Maria Schwarz, der diesen denkwürdigen Kulturaustausch filmisch dokumentierte. „Es war ein beeindruckendes Erlebnis“, schildert Schwarz seine persönlichen Eindrücke, „aufgrund der Tatsache, dass die deutschen Kinder bei Gastfamilien untergebracht waren, haben wir den chinesischen Alltag viel authentischer und realer erlebt, als man ihn als Pauschaltourist geboten bekommt. Die Menschen waren überaus offen und freundlich, doch war auch spüren, dass das Leben in China kein Zuckerschlecken ist.“ Den Besuchern aus Hamburg wurde ein abwechslungsreiches Programm geboten: Neben dem gemeinsamen Musizieren und Proben mit dem Orchester der Jincai-Schule wurden auch viele Besichtigungstouren in Shanghai unternommen. Die Millionen-Metropole Shanghai bestätigte ihren Ruf, als wichtiger Handels- und Wirtschaftsplatz für chinesische Verhältnisse vergleichsweise weltoffen zu sein — in gewisser Weise mit ihrer Partnerstadt Hamburg als „Tor zur Welt“ vergleichbar. Und zugleich ist an jeder Ecke der Zwiespalt zwischen Metropole und traditionellem China spürbar. Unvergleichbar mit Deutschland ist auch das Alltagsleben, leicht festzumachen an Details wie dem allmorgendlichen Fahnen-Appell im Schulhof, wo 2.000 uniformierte Schüler und Schülerinnen in Reih’ und Glied der gehissten chinesischen Flagge huldigten. Allgegenwärtig auch das Tai-Chi, das chinesische Schattenboxen, das von großen Gruppen auf zahlreichen öffentlichen Plätzen an jedem Morgen als meditative Stärkung von Körper und Geist zelebriert wird. Die kleinen „Elbstreicher“ wurden auch darin in der Schule unterwiesen, ebenso wie in der chinesischen Schriftkunst, der Kalligraphie, dem Scherenschnitt und der traditionellen chinesischen Teezeremonie. Lernen fürs Leben!
Sprachbarrieren gab es erstaunlicherweise kaum. Teilweise wurden die deutschen Ansprachen ins Englische übersetzt, damit der chinesische Dolmetscher diese wiederum ins Chinesische übersetzen konnte – etwas kompliziert, aber durchaus praktikabel. Wo kein Dolmetscher greifbar war, verständigte man sich auch ohne Worte mit Hand und Fuß. In Restaurants waren die Speisekarten auf westliche Besucher ausgerichtet. Zusätzlich zur chinesischen Bezeichnung der Gerichte gab es die wichtigsten Informationen auch in englischer Sprache, gleich daneben war jeweils ein Foto des Gerichts zu finden. Allerdings sprach das Servicepersonal in der Regel kein Englisch, folglich deutete man einfach auf die Bilder. Viele Chinesen zeigten sich sehr verhalten, sprach man sie auf Englisch an. Es widerspricht dem chinesischen Stolz, etwas nicht zu verstehen, also wendet man sich ab und lässt den Fragenden einfach stehen. Das wirkt im ersten Moment recht unhöflich, zeigt aber nur die Angst davor, sich nicht korrekt zu verhalten. Seit rund 25 Jahren hat sich China der Welt geöffnet, und erst jetzt starten jene Schüler in das Berufsleben, die bereits Englisch als Unterrichtsfach genossen haben.
Das chinesische Frühstück war für die „Coolen Elbstreicher“ eher weniger ein kulinarisches Verwöhnprogramm, denn das erste Tagesmahl setzt sich vor allem aus herzhaftem Reis, Reissuppe, geschmortem Kohl und kandierten Würstchen zusammen. Die süße Variante bietet Reis mit Apfel – ein wenig gewöhnungsbedürftig für den westlichen Gaumen und täglich ein Thema, bis endlich eine Pizzeria gefunden und gestürmt werden konnte.
Musikalisch gab es weder Verständigungsprobleme noch Disharmonien. Der Dirigent sprach weder Englisch noch Deutsch und führte dennoch souverän das Ensemble, bestehend aus über 50 jungen deutschen und chinesischen Musikern, zu ihrem Höhepunkt des Tages: ein gemeinsames Konzert im deutschen Generalkonsulat von Shanghai vor begeistertem Publikum.
Die Violinistinnen der jungen „Elbstreicher“ konnten übrigens auf ihren ­eigenen Instrumenten spielen, die sie als Handgepäck im Flugzeug trans­portiert hatten. Die benötigten Celli wurden hingegen vor Ort ausgeliehen. Finanziell ermöglicht wurde diese Reise dank der großzügigen Unterstützung durch das Goethe-Institut und einige deutsche Unternehmen als Sponsoren. Das Fazit nach zehn Tagen Shanghai konnte positiver nicht ausfallen: Alle Beteiligten kehrten beeindruckt und um viele neue Eindrücke und Erfahrungen reicher nach Hamburg zurück. Nun freut man sich schon auf den Gegen­besuch des Jincai-Schulorchesters im Juli 2017, an dessen Ende ein Konzert in der altehrwürdigen Laeiszhalle auf die jungen Musiker wartet. Aus dem gesammelten Filmmaterial schneidet Christoph Maria Schwarz am Ende einen Dokumentarfilm, der im Herbst in einem Hamburger Kino seine Premiere feiern wird. ¶

Fotos: Chris Schwarz, Maren Bartram

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