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Das älteste Rathaus

geschrieben von Prof. Dr. Werner H. Preuss im Dezember 2012

Die archäologischen Forschungen sind in vollem Gange: Bis 2024/25 soll der gesamte Lüneburger Rathauskomplex saniert sein

Mit dem Anwachsen der Bevölkerung bewegten sich die alten Lüneburger Orts­kerne am Kalkberg, bei der Saline und an der Ilmenau im 13. Jahrhundert rasch auf einander zu. 1247 bescheinigte Herzog Otto I. der Stadt Lüneburg erstmals schriftlich ihre Rechte. Aus dieser Zeit stammt auch das erste Stadtsiegel. Ein gemeinsames Rathaus wurde also notwendig. Man setzte es ins Zentrum des vergrößerten Stadtgebietes an den Neuen Markt.
Das heutige Lüneburger Rathaus ist über Jahrhunderte gewachsen. Wie das erste Gebäude ausgesehen hat, kann man nur vermuten. Die archäologischen Forschungen sind in vollem Gange, denn bis 2024/25 soll der gesamte Rathauskomplex saniert sein.

Die Gegend war im frühen 13. Jahrhundert noch spärlich bebaut. Der Marienplatz hieß „Gösebrink“ (Gänsehügel) und bildete eine Insel in einem sumpfigen Gewässer. 1229 ließ Herzog Otto I. dorthin eine Scheune oder einen Speicher aus Kirchgellersen schaffen. In weniger als sechs Wochen verwandelte sich das einfache Gebäude aus Lehmwänden in eine Marienkapelle. Das früheste Rathaus mag ebenso einfach gewesen sein. Rückwärtig angrenzend an das hölzerne Gebäude baute man wohl bald eine steinerne Küche. Mauerreste sind 1898 in das neue Stadtarchiv einbezogen worden und in einem kleinen Hof an der Waagestraße zu sehen. Die Ratsküche maß stattliche 6 mal 15 ­Meter. Sie bestand ursprünglich aus rohen Gipsblöcken – nicht aus fein bearbeiteten Quadern vom Lüneburger Schildstein, wie die ältesten Teile des Bardowicker Domes. Die Ratsküche diente folglich nicht zur Repräsentation, verfügte aber über eine große Feuerstelle sowie einen zweiten Kamin im Vorraum und bot im Winter ein warmes Gehäuse. Hinter einer Außentür hatte man vor ihrem Eingang das große gotische Tor angebracht, das 1371 angeblich von der erstürmten Burg auf dem Kalkberg im Triumph ins Rathaus getragen worden war und heute im oberen Gewandhaus ausgestellt wird. An diesem traditionsreichen Ort versammelten sich im Dezember die Ratsherren, wenn ein neuer Sülfmeister vor ihnen feierlich den Eid ablegte.

Das früheste Rathaus am Marienplatz, damals noch

Gegen Ende des 13. Jahrhunderts begann die Ratsziegelei zu produzieren. Zu den ersten Backsteinbauten Lüneburgs gehörte die um 1280 errichtete Rathauskapelle „Zum Heiligen Geist“ am Ochsenmarkt. Kirchen sind immer in Ost-West-Richtung angelegt, wobei der Giebel (oder Turm) im Westen und der Altar im Osten liegt. An die hintere Seitenwand der Kapelle (vom Ochsenmarkt aus gesehen) lehnte sich das zweistöckige „Gewandhaus“, die Markthalle der Tuchhändler, erbaut zwischen 1328 und 1337. Etwa gleichzeitig wurde das schlichte erste Rathaus aufgegeben und durch einen repräsentativen, turmartigen Neubau am südwestlichen Ende des Gewandhauses und der Kapelle ersetzt. Der Saal lag im 1. Obergeschoss und bildet heute den vorderen Teil der Gerichtslaube. Der hintere Teil mit den Sitzbänken, der Fußbodenheizung und dem großen Südfenster kam erst 1386 hinzu.
Das Museum Lüneburg besitzt eine interessante Bilderchronik aus dem Jahre 1595, zu der Franz Krüger und Wilhelm Reinecke feststellten: „Das Kos­tüm der handelnden Personen, der Maßstab, die ganze Auffassung des Künstlers deutet auf ältere Vorlagen, und es ist eine plausible Vermutung […], dass diese Vorlagen in Wandgemälden zu suchen sind, die ehemals einen Saal des Rathauses geschmückt haben.“ Ein Blatt zeigt den Besuch des Herzogs Magnus von Braunschweig 1369 im Rathaus. Wenn man ein jüngst vergangenes historisches Ereignis, auf das man sehr stolz ist, an eben dem Ort verewigen möchte, wo es sich zugetragen hat, ist eine weitgehend realistische Darstellung notwendig. Es ist also nicht erstaunlich, dass das Bild die damalige Gebäudesituation im Rathaus genau wiedergibt. Für einen Empfang des Fürsten und ­seines Gefolges eignete sich nur der größte Saal: das obere Gewandhaus. Dessen Haupteingang war um diese Zeit vom Marktplatz an das gegenüberliegende Ende verlegt worden. Dort spielt die Szene. Ein Torbogen verbindet das obere Gewandhaus nach links (Süden) mit der Gerichtslaube, ein zweiter nach rechts (Norden) mit der Ratskapelle. Verziert sind sie mit gotischen Formsteinen, die „Kriechblumen“ oder „Krabben“ genannt werden und auf das hohe Alter der Vorlage hinweisen. Angedeutet ist noch der ursprüngliche Spitzbogen, die krönende „Kreuzblume“ (vierblättrige Blume mit einer Spitze in der Mitte) dagegen ist beim Einbau des waagerechten Gesimses bereits abgebrochen worden. Das große Fenster in der Mitte öffnet den Blick nach Westen auf die Kalkberg-Burg. Diese Perspektive war damals noch nicht verbaut. An der linken Seite behindert eine Gebäudeecke der Gerichtslaube die Aussicht. Sie stört auch ästhetisch die Komposi­tion. Doch den „hässlichen Fehler“ kann man plausibel erklären: Es gab damals diese Ecke, sie ist auf dem Lageplan zu erkennen, also dem Realismus des Bildes geschuldet. Das Fenster nach Westen wurde geschlossen, als man 1409 am Kopfende der Kapelle und des Gewandhauses die „Laube“ errichtete. So nannte man den neuen Raum, der mit einem überdachten Balkon, dem „Bursprake“-­Erker, auf die Straße am Ochsenmarkt hinaus ragte. Von ihm herab wurden Beschlüsse und Urteile öffentlich verkündet.

Das mittelhochdeutsche Wort „rihtloube“ oder „rihteloube“ (Richtlaube) erinnert daran, dass in alten Zeiten im Freien unter dem Laubdach eines Baumes Gericht gehalten wurde. Später errichtete man zu diesem Zweck offene hölzerne Lauben an oder bei Kapellen, die nicht mehr aus Ästen bestanden. Der Ausdruck „Laube“ ging auf alle überdachten Bogengänge über und wurde schließlich für Gewölbe aller Art verwendet. Im 17. Jahrhundert übertrug man die Bezeichnung „Gerichtslaube“ vom Vorraum auf den gesamten Lüneburger Ratssaal, obwohl er geheizt und durch bunte Glasfenster geschlossen war.

Das Südfenster ist einzigartig. Es ist das letzte große Zeugnis profaner mittelalterlicher Glasmalerei und wurde wohl um 1430 in einer Lüneburger Werkstatt geschaffen. Es zeigt eine Gruppe von „Neun guten Helden“. Jeweils drei Personen repräsentieren eines der heilsgeschichtlichen Weltalter. Jede Gruppe ist dem Alter nach von rechts nach links sortiert. Im rechten Fenster stehen die Helden der heidnischen Antike: Hector von Troja, Alexander der Große und Julius Caesar. Links sind drei Helden des Alten Testaments dargestellt: Josua, der das gelobte Land eroberte, König David, der den Riesen Goliath besiegte, und Judas Makkabäus, der jüdische Freiheitskämpfer. Die Mitte bilden die Helden des christlichen Mittelalters: der legendäre ­König Artus, Karl der Große und Gottfried von ­Bouillon, der Heerführer des Ersten Kreuzzuges, der 1100 in Jerusalem starb. Die „Neun guten Helden“ schmückten viele europäische Rathäuser. Sie sollten den Regierenden als Leitbilder dienen.

Mit dem aufkommenden bürgerlichen Selbstbewusstsein begann man im 19. Jahrhundert, sich überall um die Erhaltung der Baudenkmale zu bemühen und sie stolz zu präsentieren. In Lüneburg wurde 1850 ein „Alterthumsverein“ gegründet. Man beschloss, die heruntergekommene Gerichtslaube zu renovieren und die Fenster 1853 von dem Ros­tocker Kunst- und Glasmaler H. Horn sichern und ergänzen zu lassen. Weil das Fenster mit den „Neun guten Helden“ so repräsentativ ist, sollte es auch in ganz besonderem Glanz erstrahlen. Während wir heute möglichst schonend vorgehen und alle alten Scheiben zu erhalten versuchen, ersetzte Restaurator Horn in großem Stil vom Alter angegriffenes Glas durch neues. Er war ein Meister seines Fachs. Manche seiner Scheiben sind von den alten schwer zu unterscheiden, andere zeugen deutlich vom ­Historismus seiner Zeit. Wie das große Südfenster vor der Renovierung ausgesehen hat, ist nur durch eine große Gouache (Deckfarbenmalerei) des Mathematikstudenten J. C. S. Spetzler aus dem Jahre 1830 überliefert. Das Bild, das in Farbe und Zeichnung leider nicht fotografisch genau ist, fand 1843 für eine Lithographie des „Alterthumsvereins“ Verwendung. Es liegt heute im Museum.

Mehr zum Thema: Bernd Adam, Piet Jacobs, Robert Lindner: Die Laube und das Neue Rathaus am Ochsenmarkt, in: Denkmalpflege in Lüneburg. 2006, S. 15-30; Rüdiger Becksmann, Ulf-Dietrich Korn: Die Mittelalterlichen Glasmalereien in Lüneburg und den Heideklöstern. Berlin 1992.

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