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Der Politik Fuchs vom Elbdeich

geschrieben von Sebastian Balmaceda im Februar 2019

Persönlichkeiten, die Stadt und Landkreis Lüneburg geprägt haben.Diesmal: Jens Kaidas

Fragt man Jens Kaidas, ob er gebürtiger Hohns­torfer sei, antwortet er mit einem verschmitzten Lächeln: „Auf die Welt gekommen bin ich im Lüneburger Krankenhaus, aber danach ging es direkt wieder nach Hohnstorf.“ Am 9. Februar wird das CDU-Urgestein 70 Jahre alt.

Wie geht’s Herr Kaidas?
Jens Kaidas: Seelisch gut, körperlich nicht so gut. Ende November hatte ich eine Krebs-Operation. Ich bin erst Silvester aus der Reha gekommen.

Wie haben Sie die Krebs-Diagnose aufgenommen?
Kaidas: Man muss ja irgendwie immer damit rechnen, je älter man wird. Aber dann habe ich an meine Frau gedacht, die allein wäre. Ich bin ja auch gerade Opa geworden. Bei diesen Gedanken kommt einem schon das Wasser in die Augen.
Jens Kaidas hat Glück gehabt. Der Krebs hat nicht gestreut, konnte vollständig entfernt werden. Jetzt sitzen wir im Wohnzimmer seines Reihenhauses an der Rehwiese in Hohnstorf. Es gibt Kaffee und Kekse, Kaidas ist bester Laune. Das Baugebiet hat er als Bürgermeister (1991 bis 2010) einst ausgewiesen. Sein Haus am Deich hat er aufgegeben, zu groß, zu viel Grundstück, nicht altengerecht.

Sie haben 2010 mit der Politik Schluss gemacht. Wie fing es eigentlich an?
Kaidas: Das war 1976. Ich bin ja Fußballer und der Sportplatz am Deich war mal wieder überschwemmt. Da bin ich an einem Sonntag zu meiner Mutter gegangen und hab geschimpft: Es reicht, die können es nicht. Ich will auf die Wahlliste der CDU und dann in den Gemeinderat.

Mit „die“ meint er die Sozialdemokraten, die damals in Hohnstorf die Mehrheit hatten. Kaidas holt ein Fotobuch, zeigt ein Bild des Wahlzettels. Ganz unten der junge Kaidas, aufgenommen in Uniform.

Kaidas: Das war natürlich nicht erlaubt mit der Uniform, aber es musste alles ganz schnell gehen.

Vom letzten Listen-Platz zog der 27-Jährige in den Gemeinderat ein. Fünf Jahre später hatte die CDU die Mehrheit am Deich. Zehn Jahre später war Kaidas Bürgermeister seines „Geburtsortes“, später auch Vorsitzender des TuS Hohnstorf.
Sie hatten unzählige politische Ämter, saßen im Landtag, im Kreistag, im Samtgemeinderat, aber welche Aufgabe war ihnen die liebste?
Kaidas: Das Amt des Bürgermeisters, ganz klar. Vor Ort etwas bewegen, das hat mir immer am meis­ten Freude gemacht. Ich bin ein Freund des kurzen Dienstweges, des persönlichen Vertrauens, des Gesprächs. Wir haben zum Beispiel einmal einen Kaufvertrag für ein Grundstück durch den Gemeinderat gebracht, obwohl niemand den Vertrag kannte, nur ich und der SPD-Chef. Die Gemeinde hatte das Grundstück sehr günstig gekauft und sehr teuer wieder verkauft. Ich wollte vermeiden, dass diese Zahlen an die Öffentlichkeit kommen.
Obwohl die SPD der politische Kontrahent war, haben wir einander vertraut. Ich habe auch Sozial­demokraten für das Bundesverdienstkreuz vor­geschlagen. Es kommt doch darauf an, was jemand geleistet hat, nicht welches Parteibuch er hat.
Bei der Landtagswahl 2003 räumte Kaidas in Hohnstorf 74 Prozent der Stimmen ab, zog mit insgesamt 52,8 Prozent in den Landtag ein. Sein direkter Konkurrent damals: Manfred Nahrstedt (SPD).

Wie haben Sie die Landtagsarbeit erlebt, die vergleichsweise große Politik?
Kaidas: Ich bat unseren Parlamentarischen Geschäftsführer Bernd Althusmann, mir einen vernünftigen Ausschuss zu sichern. Angeblich hat er alles versucht, aber am Ende bekam ich den Ausschuss für Wissenschaft und Kultur. Ich! Soldat, gelernter Maurer, Tiefbautechniker mit Mittelschulabschluss. Von Wissenschaft, von Hochschulen und Universitäten hatte ich doch wirklich null Ahnung.

Kaidas setzt sein unvergleichliches, schelmisches Grinsen auf. Seine Augen funkeln als wollten sie sagen: Ein Jens Kaidas lässt sich nicht veräppeln.

Was haben Sie daraufhin gemacht?
Kaidas: Weiterbildung. Ich bin zu Frau Professor Christa Cremer-Renz gegangen. Sie war damals Präsidentin der Fachhochschule, die dann ja später mit der Universität fusioniert hat. Ich hab sie gebeten, mir das Hochschulsystem zu erklären. Wer ist wichtig, wie wird was finanziert, woher kommt das Geld?
Ich habe ihr meine erste Rede gezeigt, das Thema vergesse ich nie: Niedersachsens Hochschuloptimierungskonzept. Minister Stratmann meinte hinterher zu mir: Ziemlich visionär, aber sehr gut.

Kaidas hat die fünf Jahre im Landtag genutzt, um unendlich viele Verbindungen aufzubauen. Er nennt sie ganz modern „Connections“. Legendär sind die Treffen im Wohnzimmer von Jens Kaidas. Alles, was in der Landespolitik Rang und Namen hat, saß schon mal bei Kaffee, Kuchen oder einem frischen Pils im Haus am Deich.

Wie funktionierte das Prinzip Kaidas?
Kaidas: Du musst die Leute persönlich kennen. Ein Beispiel: Während der schlimmen Elb-Flut hatten die Bleckeder vergessen, Mittel für die Kindertagesstätten zu beantragen, 80.000 Euro. Hannover stellte sich stur, zahlte nicht. Da hab’ ich den Minister direkt angerufen und gesagt: Hey, so geht das doch nicht. Die hatten andere Sorgen im Sommer. Natürlich kam das Geld. So ging es mal hier um 40.000 Euro, da um 50.000 Euro. Keine Riesensummen, aber für die Leute vor Ort sehr viel Geld.

Ihre schönste Episode?
Kaidas: Es gab viele, aber besonders lustig war der Besuch in der niedersächsischen Landesvertretung in Brüssel. Dort gab es einen großen Empfangs­tresen, auf dem alle Orte Niedersachsens verzeichnet waren. Da stand aber „Hohnshorst“ statt Hohnstorf. Ich habe denen gesagt: Entweder ihr ändert das oder ihr baut das ab. Beim nächsten Mal war der Tresen weiß.

Kaidas nennt sich selbst den am schlechtesten bezahlten Landtagsabgeordneten, weil seine Soldaten-­Pension voll auf die Bezüge angerechnet wurde. Gemeckert hat er nie, aber es gibt Grenzen.

Kaidas: Als die Wahlkreise neu geordnet wurden und klar war, dass ich keine Chance habe, wiedergewählt zu werden, da war ich sauer. Die hatten meinen Wahlkreis kaputt gemacht. Da habe ich erstmal meine 700 Euro an die Partei einbehalten. Das war offiziell ja eine freiwillige Abgabe. Da war der Wulf (Ministerpräsident, die Red.) maulig, alle waren maulig …

Gibt es Dinge, die sie bereuen?
Kaidas: Ja. Als ich noch ganz jung war, habe ich den damaligen Deichhauptmann und Samtgemeindebürgermeister Otto Hübner öffentlich angegriffen. Er solle mal eines seiner vielen Ämter abgeben damit andere zum Zuge kommen. Bei meinem Abschied entschuldigte ich mich bei seiner Tochter, weil mir mittlerweile klar geworden war, dass man viele Ämter braucht, wenn man in der Politik etwas bewegen möchte.

Kaidas’ Abschied als Bürgermeister ist legendär. Für jedes Amtsjahr spendierte er ein 50-Liter-Fass Bier. 500 Bürger kamen auf den alten Sportplatz, feierten ihren Jens, leerten 17 Fässer Pils.

Sie sitzen seit 2016 wieder im Samtgemeinderat. Warum sind sie in die Politik zurückgekehrt?
Kaidas: Es hat einfach gejuckt. Ich wollte etwas bewegen. Es war wieder ein kleines Thema, das die Menschen aber bewegt: Toiletten auf Friedhöfen. Da haben wir parteiübergreifend schon einiges erreicht.

Werden Sie 2021 wieder antreten?
Kaidas: Ja, wenn es mir so gut geht wie heute, mache ich weiter.

Was wäre ein Grund für Sie, mit der Politik aufzuhören?
Kaidas: Wenn ich jemanden begrüßen würde, dem ich nicht in die Augen schauen kann. Dann ist Schluss, weil dann Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit fehlen.

Wem schulden Sie rückblickend Dank?
Kaidas: Meiner Frau, die immer Geduld mit mir hat, immer an meiner Seite ist. Sonst niemandem.

Vielen Dank für das Gespräch und alles Gute.

— Das Gespräch führte Sebastian Balmaceda

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