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„Die Kante muss schnurren“

geschrieben von Christiane Bleumer im November 2017

Beate Raithel aus Ochtmissen trainiert in Hamburg nicht nur den Eiskunstlaufnachwuchs

Wahrscheinlich schon in der Bronze- und Steinzeit hat man im Winter zugefrorene Wasserflächen genutzt, um mit den ers­ten primitiven Schlittschuhen aus Knochen über das Eis zu gleiten. Eine Weiterentwicklung kann man in den Niederlanden im 13. und 14. Jahrhundert finden, wo die mit Metall beschlagenen Kanten der Holzschuhe einfache Laufbögen ausführen ließen. In unserem Nachbarland war Schlittschuh­laufen ein Volksvergnügen, wie manche Bilder der holländischen Alten Meister bezeugen. Frauen war der Eiskunstlauf als Sportart jedoch lange aus verschiedenen Gründen untersagt – selbst wenn die Frauen sich auf das Eis wagen durften, sie sich an eine sittenstrenge Kleiderordnung halten und in schweren Wollkleidern und Unterröcken antreten, was die Bewegungen massiv erschwerte.
Bis man in den 80ern und 90ern Eiskunstlaufstars wie Katharina Witt oder Tanja Szewczenko graziös über das Eis schweben sehen konnte, war es also wahrlich noch ein weiter Weg. Begeistert verfolgten die Zuschauer damals an den Bildschirmen, wie diese Sportlerinnen nahezu schwerelos unterwegs waren und in ihren funkelnden Kos­tümen die gewagtesten Sprünge ausführten. In den heutigen Zeiten mit ihren unzähligen Fernsehsendern und der immer größeren medialen Konkurrenz ist der Eiskunstlauf in der Öffentlichkeit nicht mehr ganz so populär. Doch trotzdem gibt es auch in der Region Lüneburg etliche Mädchen der unterschiedlichsten Altersstufen, die dem Zauber dieser ausgeklügelten Bewegungsabläufe erlegen sind und zum Beispiel von der perfekten Ausführung eines Salchow, Axel oder Toeloop träumen. Eine Frau, die den Kindern auf ihrem Weg dorthin hilft, ist Beate Raithel aus Ochtmissen. Als Trainerin beim Hamburger Schlittschuh Club von 1881, kurz HSC, macht sie sich fast täglich auf den Weg in eine der Trainingsstätten in Hamburg, um dort die Nachwuchseiskunstläufer zu trainieren. „Auch das Eisstadion in Adendorf ist ein guter Ort, um Lauftechniken zu üben und sich auf dem Eis auszuprobieren“, sagt Beate Raithel. Das geschehe meist kurz nach Beginn der öffentlichen Laufzeit, wenn es noch nicht so voll sei. Doch im Normalfall nehmen die Eisläuferinnen und na­türlich auch ihre Mütter oder Väter die weitere Strecke nach Hamburg in Kauf, um dort unter perfekten Bedingungen beim HSC zu trainieren. „Man sollte möglichst früh mit dem Schlittschuh­laufen beginnen“, empfiehlt die Expertin.

Auch sie selbst war erst vier Jahre alt, als sie aktive Läuferin wurde. Die Begeisterung für diesen Sport war bei Beate Raithel so groß, dass sie später an zahlreichen Jugend-, Landes- und Deutschen Meisterschaften teilnahm. Doch das habe einen enormen Aufwand bedeutet, erinnert sie sich. „Dreistündiges Pflichtprogrammtraining und dann noch einmal zwei Stunden Trainingszeit für die Kür gehörten damals zum Alltag“, so die Sportlerin, die in Wuppertal geboren wurde und bei einem Düsseldorfer Verein Mitglied war. Noch bis 1991 wurde die Pflicht bei jedem Wettkampf mitgewertet. „Das sporttraining und hat nun mit „richtig guten Leuten zu tun“, wie sie selbst sagt. Dazu gehören neben Erwachsenengruppen auch die Nachwuchssportler aus Lüneburg und Umgebung, die zwischen vier und elf Jahren jung sind und sich von ihr zeigen lassen, wie man exakte Bögen fährt, wie man übersetzt oder kleine Pirouetten dreht. Das wichtigste beim Eiskunstlaufen sei es, sauber auf der Kante des Schlittschuhs zu laufen und nicht auf der gesamten Kufe. „Die Kante muss schnurren“, beschreibt die Sportlerin das entsprechende Geräusch des Schlittschuhs auf dem Eis. Dazu braucht man neben einem perfekt sitzenden Stiefel, der alles auf- und abfängt, Bewegungstalent. Doch das sei noch nicht alles. „Man benötigt auch eine gewisse räumliche Vorstellungskraft, um die Bahnen und die Bewegungen darauf abschätzen zu können.“

Bei Jugendlichen sei der Zeitpunkt der Pubertät meist ein wichtiger Wendepunkt. „Bis dahin müssen die Bewegungsabläufe im Gehirn gespeichert sein und sitzen“, weiß die Eissportbegeisterte. Häufig sei es so, dass sich durch die Veränderung des Körpers auch das Drehmoment verschiebt. Eine gute Sprungfähigkeit gehört ebenfalls zum Re­pertoire jedes Eiskunstläufers – dazu natürlich eine perfekte Körperhaltung mit gut ausgebildeter Bauch- und Rückenmuskulatur. Kein Zweifel: Es sind hohe Ansprüche, die dieser Sport an seine Aktiven stellt. Doch spätestens wenn es dann endlich in einem prächtigen Kostüm aufs Eis geht und zur sorgfältig ausgewählten Musik die ersten Drehungen und Sprünge gemacht werden, ist das harte Training vergessen. Daran erinnert sich auch Beate Raithel noch sehr gut, die jetzt nicht mehr aktiv an Wettkämpfen teilnimmt und lieber mit ihren Schützlingen mitfiebert.
Als Finalpunkt einer Saison ist der HSC alljährig Ausrichter eines großen internationalen Wettbewerbs in Hamburg. Der kommende „Hamburger Michel“ findet Ostern 2018 statt.(cb)

Foto: Enno Frierich

HSC Hamburger Schlittschuh Club v. 1881 e.V.
Buchholzer Landstr. 53a
21244 Buchholz/Holm-Seppensen
Tel.: (04187) 425201
www.hsc1881.de

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