GG
Magazin für das Leben in Lüneburg
Themen
Alle Themen und Artikel

„Die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts"

geschrieben von Iene Lange im November 2018

Vier Jahre, 16 Millionen Tote, der Zusammenbruch von vier Weltreichen: Am 11. November jährt sich zum 100. Mal das Ende des Ersten Weltkrieges. Wie erlebte Lüneburg die Zeit nach 1918?

Mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands in Compiègne am 11. November 1918 zwischen dem Deutschen Reich und den beiden Westmächten Frankreich und Großbritannien wurden die Kampfhandlungen des 1. Weltkrieges beendet. Die ausgehandelten Bedingungen traten schon sechs Stunden nach Unterzeichnung in Kraft, exakt um 11.00 Uhr. Auch der Lüneburger Öffentlichkeit wurden sie auszugsweise mitgeteilt. Von Anfang an empfand man sie in vielen Punkten als geradezu schmachvoll und vernichtend.
Doch bereits Tage zuvor hatte sich, wie in anderen Städten auch, im Zuge einer revolutionären Zäsur vom 9. November 1918 auch in Lüneburg ein sogenannter Arbeiter- und Soldatenrat etabliert, der aus den Genossen Alexander, Ahrendt und Klunck bestand. Unter den Soldaten waren es die Matrosen Klitsch und Böhme. Gemeinsam wurden sie in der Nacht vom 7. auf den 8. November im Rathaus empfangen. Nach langen Verhandlungen sahen sich die Stadtväter genötigt, auf dem Rathaus die rote Fahne zu hissen. Zudem sollten künftig zu den Magistratssitzungen jeweils zwei Mitglieder des Soldatenrates hinzugezogen werden. Auch der Oberbürgermeister Georg König und Stadtsyndikus Barnstedt unterlagen künftig in ihrer Amtsführung der Kontrolle und der Beeinflussung durch die sozialdemokratische Fraktion.
Die Lüneburger blieben gelassen. Es gab keine revolutionären Ausbrüche in Form von Straßenkämpfen, keine gewaltsame Befreiung von Gefangenen, keine Plünderungen von Lebensmittelgeschäften. Vielmehr hatte man sich mit der Betätigung eines gemäßigten Arbeiter- und Soldatenrates arrangiert. Der hatte sich in einem Aufruf an alle „Volksgenossen“ gewandt und erklärt, dass er zwar mit uneingeschränkter Macht versehen sei, diese jedoch nicht rücksichtslos zu gebrauchen oder zu missbrauchen beabsichtige, sondern vielmehr eine Herrschaft des Rechts anstrebe. Erst als man den Beschluss der Reichsregierung durchsetzen wollte, der forderte, dass Offiziere und Untermannschaften Rangabzeichen und Auszeichnungen abzulegen hatten, regte sich entschiedener Widerstand.
Die meisten Lüneburger Bürger hatten jedoch andere Sorgen: Noch immer war der Reiseverkehr stark eingeschränkt, nicht zuletzt durch die Rückbeförderung der von der Front heimkehrenden Truppen. Auch Einbrüche, die geradezu als Raubzüge bezeichnet werden konnten, bereiteten nicht nur dem Arbeiter- und Soldatenrat Sorge. Dabei kam es gelegentlich auch zu Schießereien. Als Antwort darauf wurde ein Standgericht gebildet, um die wachsende Kriminalität durch schnelle Aburteilung in den Griff zu bekommen. Ebenso schien es mit der Sauberkeit in den Straßen nicht weit her zu sein, was aus einem Leserbrief in der damaligen Tageszeitung – seinerzeit noch „Lüneburgsche Anzeigen“ – hervorgeht.

Die Versorgung der Bevölkerung musste auch in Lüneburg mit Bedacht organisiert werden. So wurden beispielsweise für die Brennstoffversorgung mit Kohlen oder Briketts je nach Bedarf farblich gekennzeichnete Karten ausgegeben. Die Sicherstellung der Lebensmittelversorgung der Stadt war häufig Anlass zu Debatten im Rathaus. Eine verstärkte Lieferung von Kartoffeln aus dem Landkreis wurde gefordert, um die Versorgung der Einwohnerschaft Lüneburgs zu gewährleisten. Für die Zuteilung und Rationierung der Lebensmittel wie Kartoffeln, Milch, Getreide und vorwiegend Pferdefleisch gab es die sogenannten Reichskarten – und da bekanntlich Not erfinderisch macht, erfand man damals schon die erste vegane Wurst – die Bucheckern-Wurst, bestehend entsprechend aus Bucheckern, Kartoffeln und Zwiebeln.

Ein wichtiges Ereignis aus diesen Nachkriegstagen: Die Einführung des Wahlrechts für Frauen.

Nach und nach normalisierte sich das gesellschaftliche Leben. Die Lüneburger freuten sich wieder auf das erste Weihnachtsfest im Frieden. Es wurden Adventsfeiern veranstaltet, sportliche Veranstaltungen fanden erstmalig statt. Lüneburgs erstes Haus am Platze, das Hotel Wellenkamp, lud zur Weihnachtsfeier der SportVereinigung „Eintracht v. 1903“ ein. Doch viele Familien trauerten – nicht nur um die im Krieg gefallenen Angehörigen, sondern auch um die Opfer der Spanischen Grippe, die im Herbst und Winter 1918 wütete und unzählige Tote forderte. Wie den Traueranzeigen im Zeitungsarchiv zu entnehmen ist, waren unter ihnen auch viele Kinder aus Lüneburger Familien.
Ein wichtiges Ereignis aus diesen Nachkriegstagen jedoch darf nicht vergessen werden: die Einführung des Wahlrechts für Frauen, das mit der Wahl der Deutschen Nationalversammlung am 19. Januar 1919 stattfand. Der Grundstein dazu war bereits am 12. November 1918 mit einem entsprechenden Aufruf an das deutsche Volk gelegt worden.
Bis auch der kommunale Frieden wieder in der Hansestadt einzog, sollte es jedoch noch einige Zeit dauern. Zu unterschiedlich waren die politischen Gruppierungen. Wirtschaftliche Not und Unsicherheit trugen dazu bei, dass es immer wieder zu Auseinandersetzungen und heftigen Debatten in den politischen Gremien kam. Dennoch erlebte die Stadt die Zeitenwende nach dem 1. Weltkrieg relativ ruhig.(ilg)

— Quellen: Stadtarchiv, Dr. Uta Reinhardt
Foto: Sammlung Hajo Boldt

Anzeige






Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.