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"Drei Zentimeter waren mein Schicksal“

geschrieben von Horst Lietzberg im Dezember 2018

Ich war oft bei ihm in seiner schönen Westber­liner Villa am Rupenhorn. Mal eine Reportage, mal ein Interview – manchmal auch rein privat. Es ist eine Traumgegend zwischen Grunewald und Stößensee, in der Bubi (Gustav) Scholz mit seiner Frau Helga und einem großen Schäferhund lebte. Wer ihn besuchte, bekam an seiner Bar meist einen „Bullshit“ angeboten. Ein hochprozentiges Getränk, das er aus klarer Fleischbrühe mit Wodka und „geheimen“ Zutaten mixte. Er hatte gern Gäste. Es wurde viel geblödelt, immer war es fröhlich bei ihm. Manchmal gingen wir auch in den Swimmingpool, oder in sein Souterrain, wo neben Bergen von Champagner und Whisky viele Urkunden und die letzten Boxhandschuhe hingen. An der Rückwand der Bar war gut sichtbar ein Kleinkaliber-Gewehr angebracht, das er eigentlich nicht haben durfte. Waffen verstießen damals gegen das strenge Kontrollratsgesetz der Alliierten in Berlin. Aber Bubi nahm das nicht so genau: „Ist doch eine prima Dekoration. Manchmal vertreibe ich damit die Wildschweine aus meinem Garten“, sagte er lachend. Niemand konnte ahnen, dass dieses Gewehr einmal eine schicksalhafte Bedeutung für ihn bekommen würde.
Bubi („Nur Boxweltmeister Max Schmeling nennt mich Gustav“) war ein Synonym für sportliche Leis­tungsfähigkeit. Er hatte es zu Ansehen und Wohlstand gebracht. Erfolg war ein Teil seines Glücks. Doch angefangen hat alles ganz bescheiden.
Drei Jahre nach dem Krieg stieg Bubi Scholz (19), der Sunnyboy aus dem Berliner Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg, zum ersten Mal in den Ring. Seine Gage: 50 Mark. Für seinen Fight später gegen Weltmeister Harold Johnson erhielt er das Tausendfache – obwohl er knapp nach Punkten verlor. Immerhin war er drei Jahre zuvor gegen den Franzosen Charles Humez durch technischen K.O. Europameister im Mittelgewicht geworden. So stieg er zum ungekrönten Boxerkönig und Liebling der Massen auf. „Das Filmgesicht, der Porschefahrer, der Millionär, der Filmstar, der Schallplattensänger …“ schrieb die Presse euphorisch. Er war im gesellschaftlichen Leben Berlins fest verankert. Viele Prominente – von Romy Schneider bis Harald Juhnke – gehörten zu seinen Freunden. Ihm ging’s blendend. Seine Werbefirma „Zühlke & Scholz“ hatte bis zu 30 Angestellte.
Heute wissen wir, dass die glanzvolle Karriere des begnadeten Boxers Bubi Scholz ein unrühmliches Ende gefunden hat. Im Vollrausch erschoss er 1984 in seiner Villa mit dem Kleinkalibergewehr von der Bar fahrlässig seine Frau Helga (49). „Ich hab’s nicht gewollt. Es war Leichtsinn. Die Kugel ging durch das dünne Türblatt der Gästetoilette, wo sie sich eingeschlossen hatte. Hätte ich die Knarre nur drei Zentimeter tiefer gehalten, wäre sie in dem dicken Türrahmen stecken geblieben. Diese drei Zentimeter waren mein Schicksal“, erzählte er mir einmal. Das Urteil: drei Jahre Gefängnis.
Bubi und Helga waren 29 Jahre verheiratet. Er kaufte ihr zwei Parfümerien, zwei „Goldgruben“. Bubi: „Wenn sie in der Weihnachtszeit, in der das meiste Geld verdient wurde, mit Koffern voller Bargeld nach Hause kam, warf sie es manchmal hoch in die Luft. Sie freute sich dann wie ein Kind, wenn die Scheine herunter flatterten – oft bis zu 100.000 DM.“
Bubi Scholz war ein sportliches Talent. Als er Anfang der 50er-Jahre Deutscher Meister im Weltergewicht geworden war und diesen Titel ein Jahr später erfolgreich verteidigt hatte, erkrankte er schwer an Lungentuberkulose. Es stand schlecht um ihn. Er sagte: „Am Anfang kamen viele Freunde. Dann nur noch wenige. Wer traut einem Boxer, der über ein Jahr im Bett liegt, noch zu, dass er jemals wieder im Ring stehen wird? Nach zwei Jahren war ich geheilt. 1958 wurde ich Deutscher Meister im Mittelgewicht. Ich hatte den alten Boxerspruch ‚They never come back‘ widerlegt. Mein größter Sieg.“
Ein paar Jahre nach dem Gefängnis saßen wir auf einer Gala in Berlin zusammen am Tisch. Viele Prominente schüttelten ihm die Hand. „Schön, dass Du da bist!“ Darunter die Schauspieler Harald Juhnke, Günter Pfitzmann, Ex-BILD-Chef Peter ­Bönisch und andere. Ein paar Promis jedoch, die oft mit ihm gefeiert hatten, drückten sich weg, wollten ihn nicht mehr kennen. Bubi: „So ist das Leben. Echte Freunde sind rar …“ Er starb am 22. August 2000 in einem Pflegeheim in Hoppegarten bei Berlin.

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