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Egon lässt die Puppen tanzen

geschrieben von Ina Freiwald im Mai 2018

Als kreativer Tüftler für Bühnenelemente machte Egon Buttschaft Karriere

Die habe ich irgendwo gefunden“, sagt Egon Buttschaft und nimmt zärtlich die Hand der von ihm gebauten Puppe. Irgendwo ge­funden? Eben mal so? Passende Holzhände lagen einfach so rum im Lüneburger Theaterfundus? Kaum zu glauben, wenn man diese liebevoll kreierte Gestalt im umjubelten „The Black Rider“ im Lüneburger Theater über die Bühne schweben sieht. Aber das überaus gekonnte Improvisieren ist ein wesentliches Element der kreativen Arbeit des heute 82-Jährigen. „Ich bin ein Tüftler“, sagt er über sich. „Jede Aufgabe ist neu und anders und will bewältigt werden.“
Die 1,20 Meter große Figur kommt nach der Pause in der zweiten Stückhälfte zum Einsatz und wird von drei Schauspielern bewegt. Egon Buttschaft war bereits nach dem Besuch einer Hauptprobe im Januar begeistert: „Man sieht gar nicht, wie sie von den Leuten geführt wird, so großartig machen die das.“ Überhaupt ist er ein Riesenfan des Lüne­burger Theaters. „Die Menschen arbeiten dort mit einer solchen Begeisterung fürs Detail, wie man das heute nur noch selten findet.

Die Atmosphäre ist familiär, gleichzeitig arbeitet das gesamte Team hochprofessionell.“
Kein Wunder, dass der noch heute überaus begehrte Künstler regelmäßig für die Lüneburger Bühne tätig wird. Für „Schlafes Bruder“ baute er ein Riesenohr, für „Faust“ den begehbaren Totenschädel. Das Weihnachtsmärchen „Hänsel und Gretel“ bestückte er mit gigantischen Marshmallows aus Schaumstoff, für „Frau Müller muss weg“ lieferte er kunstvolle „Kastanienmännchen“, ebenfalls in Übergröße. „Ich mag es sehr, wenn sich die Dinge beim Entstehen weiter entwickeln“, sagt er und lächelt. „Man weiß nie, was bei einer Idee heraus kommt – am Ende kann das eben etwas anderes sein, als man ursprünglich vorhatte.“
Sein „Mädchen“ mit den schwarzen Zottelhaaren sollte ursprünglich auch eine Perücke tragen, geschminkt werden, ein anderes Kleid und Schuhe angezogen bekommen. „Dann haben die für die Inszenierung Verantwortlichen Philip Richert und Gregor Müller spontan entschieden, dass sie so viel besser ins Bühnenbild passt.“ Traurig und verloren kommt die Figur von der Bühne rüber, ihre Augen scheinen durch einen blauschwarzen Nebel aus einer anderen Welt ins Hier und Jetzt zu blicken. „Damit sie leuchten können, habe ich zwei kleine Taschenlampen eingebaut“, erklärt Egon Buttschaft und klickt zum Beweis zweimal im Styropor­hinterkopf. Jetzt bekommt man auch bei hellem Sonnenschein an der Hamburger Alster eine leichte Gänsehaut. Ein Gummiball gibt dem Hals die nötige Flexibilität, Plexiglas-Elemente stützen die Armgelenke, Bleiketten gewährleisten die Bodenhaftung der Beine.
Vier Wochen baute er in Etappen an der Puppe, die der Hauptfigur Käthchen (Júlia Cortés) irritierend ähnlich sieht. „Die Bühnenbildnerin Swana Gutke gab mir gewisse Hinweise, ich hatte aber kein Foto oder ähnliches vorliegen, an dem ich mich bei der Konstruktion orientieren konnte.“ Auch den Baum, in dem Käthchen auf der Bühne lebt, hat Egon Buttschaft mit Hilfe der mit ihm eng befreundeten Bühnenmalerin Susanne McLeod bearbeitet. „Er stammt vom Theater Hildesheim, wir mussten ihn erst einmal ausräumen, da er mit Holzlatten und anderen abenteuerlichen Dingen gefüllt war.“ Das „Black Rider“-Ensemble kann ihn nun komplexer nutzen, er wurde stabilisiert, mit gangbaren Klappen versehen und von innen umfassend beleuchtet.
Schon 1990, als das Musiktheaterstück von Robert Wilson mit Kompositionen von Tom Waits im Thalia-Theater Hamburg uraufgeführt wurde, hatte Egon Buttschaft wesentlich am Bühnenbild mitgewirkt. „Ich war damals der Chef des Malersaals und der Bildhauerei, habe 1955 als Aushilfe angefangen und war nach fast 40 Jahren auch im Betriebs- und Aufsichtsrat.“ Ursprünglich wollte er als waschechter Hamburger Jung Holzschiffsbauer werden, aber sein Vater hatte einen eigenen Malereibetrieb und verbot ihm diesen Traum. Dennoch gehörte er bei der Ausbildung zu den Besten und durfte daher im Rahmen eines Ausbildungsstipendiums auch ein Jahr in die Schweiz.
Das Lüneburger Theater lernte er bereits 1960 kennen. „Ich war damals schon am Thalia und kam durch eine Kooperation nach Lüneburg. Seinerzeit wurde das Haus gerade vom Kino zum Theater umgebaut.“
Das großartig inszenierte Stück nach der Buch-Vorlage von William S. Burroughs, dessen vollständiger Titel „The Black Rider – The Casting of the Magic Bullets“ lautet, ist eine düster-romantische Liebesgeschichte. Die Handlung: Der Amtsschreiber Wilhelm (Gregor Müller) verliebt sich in die Försterstochter Käthchen. Ihre Eltern (Nils Bannert, Dominik Semrau) favorisieren jedoch den Jägerburschen Robert (Stefanie Schwab) als künftigen Schwiegersohn. Wilhelm will nun auch das Schießen lernen. Dafür braucht er die Hilfe von Stelzfuß (Philip Richert), einer verführerischen Verkörperung des Teufels. Das Stück ist in dieser Spielzeit noch am 10. Juni am Theater Lüneburg zu sehen. Die Wiederaufnahme für die kommende Spielzeit steht bereits fest.(if)
Foto: Susanne McLeod

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