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Das Glockenhaus

geschrieben von Irene Lange im Juni 2015

Die Stadt nutzte das Glockenhaus als Büchsenhaus und zur Lagerung von Geschützen und allerlei Waffen. Nach über 500 Jahren ist es auch heute noch ein belebter Ort inmitten Lüneburgs City

Eines der wohl imposantesten Backsteingebäude Lüneburgs ist das Glockenhaus mit seinem prächtigen Hauptportal. Mit einer Länge von 39 m und einer Höhe von 20 m hat es die Jahrhunderte seit seiner Erbauung in den Jahren 1482 bis 1484 zumindest äußerlich nahezu unverändert überstanden. In einer aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammenden Chronik ist vermerkt: „Dat bussenhusz, iszt dat clokenhusz genant, is desse jar dorch de buwheren gebuwet.“ (Das Büchsenhaus, jetzt das Glockenhaus genannt, ist dieses Jahr durch die Bauherren gebaut.)
Obwohl die Glocken ihr den Namen gaben, ist es als weltliches Profangebäude erbaut worden. Glocken wurden hier wohl nie gegossen. So entstand die Probeglocke von St. Johannis beispielsweise im Jahre 1607 auf dem Berg vor der Hasenburg, während die große Glocke durch Hinrik von Kampen vor dem Bardowicker Tore gegossen wurde; die Neue Sülze war im Jahre 1712 Ort der Entstehung der Sonntagsglocke. Im eng bebauten Innenstadtbereich wäre die Glockengießerei wegen der Feuergefahr zu gefährlich gewesen. Die Stadt nutzte das Glockenhaus als „Bussenhus“ (Büchsenhaus) beziehungsweise zur Lagerung von Geschützen und allerlei Waffen, denn die Zeiten waren unsicher. Auch auf dem Hof standen einige Geschütze, die per Radgestell oder Wagen bewegt wurden. In Friedenszeiten fanden sich die Schützen vor den Toren zu Schießübungen zusammen. Stattliche Kanonen waren dabei, wobei die schwerste fast 70 Zentner wog und zynisch „die Sängerin“ genannt wurde. Andere wiederum waren sogenannte „Schlangen“ und „Kaldaunen“. Doch nicht nur Kriegsgeräte wurden im Gebäude gelagert; es diente auch als Korn- und Mehlmagazin.
Im Jahre 1973 stieß man bei der Neugestaltung des Platzes um das ­Glockenhaus auf eine sogenannte Schwindgrube, die kreisförmig mit Backsteinen ausgekleidet war. Viele interessante Relikte kamen hier zum Vorschein: Scherben von Tongefäßen, Dung sowie zahlreiche Knochen von Haustieren und Geflügel. Aus welcher Zeit die Gegenstände stammten, war an den Henkeln der Töpfen und Kannen zu erkennen. Daraus ließ sich schlussfolgern, dass die Grube aus der frühen Zeit des 14. Jahrhunderts stammte.
Wo und ob später noch im Stadtgebiet Glocken oder Geschütze gegossen wurden, lässt sich nicht eindeutig belegen. Fest steht, dass sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts eine Glockengießerstraße an das Glockenhaus anschloss. Eine Kämmereirechnung aus dem Jahre 1537 gibt Aufschluss darüber, dass hier Geschütze gelagert wurden. In der Zeit von 1482 bis 1563 muss es ein zweites Glockenhaus gegeben haben, denn 1557 wird vom „großen Klockenhus“ gesprochen – man schließt daraus, dass auch ein „kleines“ existierte. 1564 fanden im Bereich des Glockenhofes erneut umfassende Baumaßnahmen statt. Ob diesen ein Glockenhaus zum Opfer fiel, bleibt nur zu vermuten, dann von da an ist ab 1566 nur noch von einem Glockenhaus die Rede.
Das Handwerk der Glockengießer umfasste außer Glocken und Geschützen auch die Herstellung von Bronzetaufen, Kupfer- und Messinggeräten sowie Grapen (dreibeinige Kochtöpfe), von denen der Name der Grapengießer abgeleitet wurde. Deren Beruf war auch in Lüneburg verbreitet, jedoch wurde er wohl hauptsächlich außerhalb der Stadt ausgeführt, denn das Handwerk galt als feuergefährlich. So war es also nur vernünftig, dafür ein öffentliches Gebäude zur Verfügung zu stellen. Es wird vermutet, dass der Rat der Stadt den beiden Bauherren Johann Snewerding und Ditmar Sankenstedt im Jahre 1482 den Auftrag erteilte, ein Gießhaus (späteres Glockenhaus) zu errichten. Sogar die Endsumme für die Errichtung des Gebäudes ist noch überliefert: Von 1482 bis 1484 sind genau 1.621 Mark, 8 Schilling und 7 Pfennig bezahlt worden.

Es muss ein zweites Glockenhaus gegeben haben, denn 1557 wird vom „großen Klockenhus“ gesprochen, also musste auch ein „kleines“ existiert haben.

Während des gesamten 18. Jahrhunderts wurde das Glockenhaus als städtischer Bauhof genutzt. Wo früher Büchsen und Armbrüste lagerten, wohnten jetzt städtische Bedienstete. Ab 1856 wurden einige Räume mit Zustimmung des Magistrats als Speiseanstalt eingerichtet. Zwar war diese für den Verkauf außer Haus eingerichtet; Bedürftige konnten aber auch – streng getrennt nach Männern und Frauen – dort ihr tägliches Mittagessen, bestehend aus Graupen, Reis, Bohnen und Linsen, einnehmen. Nach dem Ersten Weltkrieg hatte die Säuglingsfürsorge einige Räume belegt.
Dann wurde es still um das Glockenhaus – bis Diskussionen um die weitere Nutzung entbrannten. Entstanden sind daraus geradezu abenteuerliche Konzepte, auch eines aus den Anfängen der 60er-­Jahre, das vorsah, ein Parkhaus im Glockenhaus einzurichten. Bürgerinitiativen verhinderten diese Vorhaben glücklicherweise, indem sie 1975, im Jahr des Denkmalschutzes, mit der provokanten Frage „Käse oder Kultur?“ derartige Absurditäten aus dem Weg räumten. Für die Sanierung des Glockenhauses erhielt die Stadt Lüneburg 1978 im Rahmen des Landeswettbewerbs „Stadtgestalt und Denkmalschutz im Städtebau“ schließlich eine Bronze-Medaille. Heute finden im Erdgeschoss des Glockenhauses vorwiegend kulturelle Veranstaltungen statt. Das majestätische Gebäude ist damit auch heute noch in das vielfältige, muntere Leben der Stadt eingebunden.(ilg)

Fotos: Enno Friedrich

Quellen: Stadtarchiv Lüneburg, Broschüre ­Glockenhaus zu Lüneburg“ mit Texten
von Dr. Uta Reinhardt, Johann Hildisch,
Dr. Friedrich Laux, Axel Treptow.

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