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Hof Hartmann in Rettmer

geschrieben von Irene Lange im September 2015

Vom Kotehof zum Vollhof: HoHartmann ist heute ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb,dessen Produkte unter Anderem im hofeigenen Verkauf angeboten werden

Einer der vier Urhöfe aus der früher rein bäuer­lichen Zeit von Rettmer ist der Hof Hartmann, der bereits in 19. Generation besteht. Urkund­lich erwähnt wird die Hofstelle erstmals in einer Steuerliste von „Rethmere“ im Jahre 1314, die darüber Aufschluss gibt, dass der Knappe Eberhart von Öhm jährlich 2 Himten (ca. 6 Zentner) Weizen an den Herzog Friedrich von Braunschweig und Lüneburg abzuliefern hatte. Erst mehr als 100 Jahre später, nämlich 1450, tauchte Rethmere wieder in einer Steuerliste im sogenannten Winsener Schatzregister auf. Die Steuerabgaben betrugen für einen Vollhof 2 Mark, für einen Halbhof 1 Mark und für einen Kotehof — ein kleinerer Hof bis zu einer Größe von ca. 40 Morgen – 6 oder 8 Schilling. Auch die Namen der jeweiligen Inhaber der Hofstellen aus dieser Zeit sind bekannt: Werneke Rose mit 1 „ploch“ (Bezeichnung für Vollhof), De Meyger 1 ploch, Luteke Ditmars 1 ploch. Lediglich Luteke Meyger saß auf einem Kotehof. Rose und De Meyger standen unter der Gutsherrschaft des Michaelisklosters; Ditmars und Ludeke Meyger unter dem adligen Gut von Möller in Heiligenthal. Hof Ditmars hieß später Fuhrhop; Ludeke Meyger wurde abgelöst durch Breloh, später Abben und schließlich Hartmann. Aus dem Möllerschen Archiv zu Heiligenthal geht hervor, dass der damalige Inhaber des kleinsten Hofes in Rettmer bereits die vollen Abgaben eines Vollhofes zu zahlen hatte. Dazu hatte man dem Gutsherren wöchentlich mit zwei Pferden zu Diens­ten zu sein, oder man zahlte nicht zu knappes Dienstgeld. Solange er unter der Herrschaft stand, gab es für den Bauern vor 1856 normalerweise keine Möglichkeit, Grund und Boden als Eigentum zu erwerben. Eine weitere Urkunde berichtet aus dem Jahr 1540 vom Lüner Schatzregister über den späteren Hof Hartmann. Damals war es Hans Breloh I., der nun Abgaben zahlte. Er gehörte nun zu der ersten Generation nach der Reformation durch Martin Luther. 100 Jahre zuvor war die Bevölkerung noch tief im Katholizismus verwurzelt; jetzt sang man in der Kirche zu Embsen das Lied „Ein feste Burg ist unser Gott“.

1548 geht aus einer weiteren Steuerliste hervor, dass der Bauer Hans Breloh von „wüsten“ (brachliegenden) Klosterhöfen Land gepachtet hatte. Bei seiner eigenen Kotestelle reichte das Land nicht zur Ernährung einer größeren Familie aus, denn Kartoffeln gab es damals noch nicht. Dass die Brelohsche Kote zum Vollhof wurde, lag wohl daran, dass weitere „wüste“ Hofstellen zusammengelegt wurden. „Wüstsein“ geschah in dieser Zeit hauptsächlich, wenn kein Erbe vorhanden war. Zur Erinnerung: Die Herrschaft über die Hofstelle hatte immer noch der Grundherr! iner der Hofbesitzer war Jürgen Breloh gegen Ende des 16. Jahrhunderts. Von ihm ist überliefert, dass er im Oktober 1600 von seinem Nachbarn vor das „Gogericht“ (ein freies Volksgericht, das zweimal im Jahr tagte) zitiert wurde, weil er ohne Genehmigung einen Immenzaun dicht bei seinem Grundstück der Obrigkeiten errichtet hatte. Die Strafe für seine eigenmächtige Handlung: 60 Mark (Gegenwert von 480 Hühnern), damals eine ungeheure Summe. Ohnehin galt Breloh als streitsüchtig und sogar gelegentlich als gewalttätig. Den Hof erbte später sein Sohn Hans. Dessen beide Brüder Ditmar und Peter galten als echte Rüpel und landeten ebenfalls oft vor Gericht. Während des 30-jährigen Krieges (1618– 1648) wurden hohe Kriegssteuern und -abgaben eingefordert. Einquartierungen, Belagerungen, Plünderungen und Verwüstungen waren an der Tagesordnung. Auch die Vorfahren des Hartmannschen Hofes hatten trotz der Notzeiten weiterhin die üblichen Abgaben und Dienste zu erbringen, schließlich waren sie keine freien Männer auf ihrem Hof. Eigentümer war immer noch der Grund- und Gutsherr Freiherr von Möller auf Gut Heiligenthal. So war der damalige Brelohsche Hof ein Schillinghof und ein Meierhof — wie auch die anderen in Rettmer. Nach dem Meierrecht musste für jede kleinste Veränderung auf dem Hof eine Erlaubnis vom Gutsherrn eingeholt und ein Vertrag abgeschlossen werden, so auch zur Verlobung, Heirat, Hofübernahme, Abfindung der Geschwister und Regelung des Altenteils. Der Wald gehörte dem Kloster St. Michaelis; Holz gab es nur mit Erlaubnis und für den Eigenbedarf. Neben dem Gutsherrn hatte man noch einen „Zehntherrn“, für Rettmer war der Stift Verden zuständig, was bedeutete: Von jeder Ernte musste der zehnte Teil abgegeben werden. Aber auch der Pfarrherr bekam seinen Teil in Form von einer recht großen Menge an Naturalien. Der Küster wurde dabei ebenso nicht vergessen … Vorgaben und Vorschriften bestimmten damals das tägliche Leben. Sogar das häusliche Bierbrauen war geregelt: War das Bier zu gut, mussten Steuern oder sogar Strafe gezahlt werden. So hatte auch Erbe Hans Breloh II. einen schweren Anfang mitten im 30-jährigen Krieg. Sein Haus brannte 1631 nieder, so dass er ein neues errichten musste. Doch das Pech verfolgte ihn noch weiter. Ihm wurden 40 Taler und ein Pferd mit Wagen abgenommen. Zusätzlich quartierten sich 26 „wilde“ Reiter samt ihren Frauen in seinem Haus ein, die er zudem noch alle verpflegen musste.

E. J. Abben erhielt den Beinamen „Friedensbauer“. Er führte auch die Elektrizität und Maschinenkraft auf dem Hof ein.

Besonders die Jahre 1635 bis 1637 waren für ganz Rettmer eine schreckliche Zeit, zumal auch noch sämtliches Vieh von marodierenden Soldaten getötet wurde. Von den Söhnen Hans Breloh III. (ab 1665) wird berichtet, dass sie allesamt „scharfe Schläger“ waren. Ohnehin geht aus den Archiven hervor, dass man im Umgang nicht zimperlich war und schnell nicht nur mit Fäusten, sondern auch mit Äxten, Messern oder anderen Waffen aufeinander losging. Diese Streitigkeiten endeten dann wiederum vor Gericht, das damals empfindliche Strafen verhängte. Ende des 17. Jahrhunderts war Johann Breloh als Inhaber nach sechs Generationen schließlich der Letzte seines Namens auf dem Hof. Seine Erbin Anna Dorothea heiratete Jürgen Hövermann, dessen Witwe später einen Hans Jürgen Hagelberg ehelichte. Diese Ehe brachte keine Kinder hervor; doch bereits zwei Monate später vermählte er sich mit Anna Elisabeth Bergmann, mit der er sieben Kinder — allesamt Mädchen — bekam. Der Sohn starb bereits mit zwei Jahren. Nachdem Hagelberg 1773 gestorben war, vermählte sich seine Witwe wieder mit einem „Interimswirt“. Bis endlich die Ablösung von der Gutsherrschaft im Jahre 1856 erfolgte, wirkten noch verschiedene Generationen in der Erbfolge auf dem Hof. Nach einer fast 50-jährigen Wirtschaftszeit mit E. J. Abben trat 1872 Hermann Heinrich Hartmann auf den Plan, als er die Hoferbin Anne Marie Abben heiratete. Da seine Zeit vorwiegend kriegsfrei war, gab man ihm den Beinamen „Friedensbauer“. Er führte auch die Elektrizität und Maschinenkraft auf dem Hof ein. Sogar das erste Auto fuhr in seiner Zeit durch Rettmer. Weiter aufwärts ging es, als Ernst Hartmann den Hof übernahm. Zunächst wurde 1912 anstelle des massiven Schafstalls ein neues geräumiges Wohnhaus gebaut, in dem die Familie heute noch lebt. Ein Jahr später folgte die neue Scheune, während das alte Haupthaus kurzerhand zum Kuh- und Pferdestall umgebaut wurde. Im Kriegsjahr 1942 übernahm Hermann Hartmann den Hof; 1969 trat schließlich Ernst Hermann Hartmann das Erbe an, der 1979 Ursula Wille aus Welle heiratete. Drei Kinder gingen aus der Ehe hervor: der heutige Hoferbe Jochen und die Töchter Dorothee und Anne. Der junge Landwirt und seine Ehefrau Hilke wandelten den Hof zum spezialisierten Ackerbau­betrieb um und erweiterten den Kartoffelanbau. Heute präsentiert sich die Hofanlage als ein moderner landwirtschaftlicher Betrieb, dessen Produkte teilweise auch im hofeigenen Verkauf an­geboten werden. Besonders begehrt sind die Eier von „glücklichen“ Hühnern, die während der wärmeren Jahreszeit im fröhlich-bunten „Hühner­hotel“ mit viel Auslauf für die Tiere untergebracht sind.(ilg) 
 Quelle: Hofbuch Hartmann Fotos: Enno Friedrich

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