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Laufen geht immer!

geschrieben im November 2018

Wie man mit den Beinen das eigene Leben wieder in die Hand nehmen kann

Alles begann mit einem nicht mehr zu verbergenden Belagerungszustand des autoren­eigenen Körper-Geist-Geflechts durch den Zahn der Zeit und dessen Triumvirat des Schreckens: ausbleibender Elan, müde Knochen, Viszeralfett. Gegen den Fakt, dass es in der zweiten Lebenshälfte mit den Vitalfunktionen zwangsläufig eher bergab geht, skandierten Eitelkeit und Selbst­fürsorge: So läuft das nicht!
Der Wunsch nach Veränderung birgt in dieser ­Lebensphase einige Fallstricke. Die von besserer Hälfte kongenial gecoachte Problem- und Selbst­analyse ergab, dass es sich bei SUVs, Auswanderei und Resthofautarkie um lediglich kompensatorische Bewältigungsstrategien handele, die zwar für Bewegung sorgen, nicht aber in die gewünschte Richtung führen würden. Da die Natur bekanntlich auch nichts verändert, was gut funktioniert, wurden sämtliche existenzumkrempelnden Fantasmen und materieller Firlefanz ad acta gelegt und sich auf das Profane besonnen: Ein Sport muss her, dann bewegt sich auch was! Am besten regelmäßiges Laufen, die Hunde können dann gleich mit.
Hm! Die längste ernsthaft gelaufene Distanz der letzten zwei Dekaden bewegte sich grob geschätzt im knapp zweistelligen Meter-Bereich. Keine gute Ausgangslage, wie ich fand. Ein Kollege befand jedoch „Laufen geht immer!“ und lud mich zu einem kleinen Samstagslauf durch das hiesige Waldgebiet ein, „nur drei-vier Kilometer, die schafft jeder.“ Nach Anwendung des guten alten „Führerscheinprinzips“, rausgehen und gucken, wer da so alles unterwegs ist, entschied ich, einen Testlauf zu wagen. „Wenn die das hinkriegen, kann ich das ja wohl auch!“ Nun, ich habe die drei Kilometer geschafft – und sie mich. Niemals möchte ich diese fundamentale Grenzerfahrung missen: Denn als wir – mein Kollege mit der Grandezza eines jungen Hirsches, ich als permatranspirierendes, röchelndes Etwas – die Runde absolviert hatten und ich aus meinem gefühlt amöbenhaften Zustand langsam zurück zu einem menschlichen Antlitz fand, passierte etwas Wunderbares: Die Glückshormone applaudierten, sie feierten mich, so dass eine Wolke des Triumphes mich schon wenige Tage später erneut in die Wälder trug. Der Rest ist Geschichte.

Röllchen und Pessimismus sind verschwunden, meine Krankheitstage kann ich an einer Hand abzählen, und der Zahn der Zeit nagt nun respektvoller an mir.

Jetzt, zwei Jahre später, laufe ich aus dem Stand sorglos zehn Kilometer, bei Lust und Laune auch mal mehr. Anfangs war es zäh, immer wieder galt es, den inneren Schweinehund und seine perfiden, zwischen Wetter, Shopping und Netflix mäandern­den Einflüsterungen niederzuringen. Doch blieb ich (meist) stark im Willen und eroberte mir so meinen Körpereinklang zurück. Ein in jeder Hinsicht langer Atem, Ausgeglichenheit und mehr Souveränität folgten. Und neue Leute: Früher oder später tut sich dem Alleinläufer eine vormals unbekannte Parallelwelt voller Events und Menschen auf, mit denen es gut läuft. Ich gehöre inzwischen gar einer Laufgruppe an, der coolsten Truppe der Stadt, hey Lüneläufer! Ich versuchte zeitweilig die Geheimwissenschaften des Laufschuhkaufs zu ergründen, und ich hatte eine Phase, in der ich mich mit allerlei technischem Schnickschnack zur Evaluation von Vital- und ­Streckenwerten befasste. Für mich allerdings bleibt es die sinnlichere Erfahrung, mich ohne Android in der Natur zu bewegen und dabei nur auf den körper­eigenen Akku zu achten.
Das Laufen ist tief in uns Menschen verankert, in seiner Natürlichkeit und Archaik beispiellos und evolutionär relevant. Nur wer verlässlich eine gesunde Distanz zwischen sich und das Mammut brachte und es vor Einbruch der Nacht zurück in die Höhle schaffte, konnte davon noch seinen Enkeln am Lagerfeuer erzählen, sagen einige – vermutlich laufbegeisterte – Anthropologen. Wie auch immer: Die Zipperlein, Röllchen und der Pessimismus sind verschwunden, meine Krankheitstage kann ich an einer Hand abzählen, der Zahn der Zeit, so bilde ich es mir zumindest ein, nagt nun respektvoller an mir. In den besten Momenten erlange ich einen Zustand, den ich „Lauftrance“ nenne, ver­gesse dann die Zeit und bin eins mit der Umgebung, ich kann Ihnen beim besten Willen nicht sagen, welche Gedanken mir dann durch den Kopf gehen. Einmal lief in frostiger Morgenluft eine Herde Rotwild eine kurze Zeit parallel neben mir her, der Dampf ihrer Körper und mein Atem glitzerten in der aufgehen­den Sonne in der gleichen Weise, so liefen wir in Richtung Sonnenaufgang.(ap)

Fotos: Lorna Dirks, 123rf.com © luckyraccoon

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