Magazin für das Leben in Lüneburg
Themen
Alle Themen und Artikel

Lüneburger Luft, die zum Himmel stank

geschrieben im März 2019

Die bewegte Geschichte der „Knochen- und Leimfabrik AG Brauer & Co“ dokumentiert, dass Umweltschutz, saubere Luft und eine ordentliche Produktion schon vor mehr als 100 Jahren ein Thema waren VON IRENE LANGE

ür August Brauer erschien die Lage der Stadt Lüneburg im Zentrum Nordwestdeutschlands, nicht zuletzt wegen der guten Verbindung auf der Wasserstraße zum Seehafen Hamburg, für die Gründung einer Knochen- und Leimfabrik günstig. Dafür erteilte ihm der Magistrat der Stadt Lüneburg am 23. Mai 1864 die Konzes­sion, jedoch mit strengen Auflagen. So war das Unternehmen verpflichtet, entsprechende Vorkehrungen zu treffen, um Umweltbelästigung und Wasserverunreinigung zu vermeiden. Ab 1864 firmierte Brauer unter „Knochen- und Leimfabrik AG Brauer & Co“.
So klein der Anfang auch war – schon bald entwickelte sich das Unternehmen zu einem der führenden Werke Deutschlands. Nach dem Tod des Gründers ging die Firma in den Besitz seines Sohnes ­Richard Brauer über. Dieser wiederum übergab sie im Jahre 1904 der Scheidemandel Aktiengesellschaft. Unter deren Leitung expandierte das Unternehmen, nicht zuletzt durch Anwendung neuester Technik. Eine umwälzende Neuerung auf dem Gebiet der althergebrachten Leimindustrie war die Herstellung von patentiertem Perlleim. Dabei wird der Knochenleim zu trockener Perlform verarbeitet.
Zunächst zerteilte ein Brecher die Knochen in kleine Stücke, nachdem zuvor ein Elektromagnet alle darunter befindlichen Eisenteile wie Hufnägel oder Hofeisen aussortierte. Dann wurden die Knochenstücke gekocht, durch Behandlung mit Benzin Leimstoffe extrahiert und von den Fetten getrennt. Der so gewonnene Leim erkaltete anschließend in großen flachen Gefäßen.
Schon in den 20er-Jahren – inzwischen firmierte die Fabrik als „Scheidemandel-Motard-Werke AG“ – erlangte das Unternehmen Weltruf und erfreute sich einer ständigen Aufwärtsentwicklung. Nicht nur die Perlleime, sondern auch tierische Spezialleime aller Art gehörten zum Fabrikationsprogramm. Sie fanden auf vielen Gebieten Anwendung – wie zum Beispiel bei der Möbelherstellung, bei Küchenmaschinen, Musikinstrumenten, im Modellbau, bei Zündhölzern, in der Papiererzeugung- und -verarbeitung, in Buchbindereien oder bei Lederwaren.

Im Januar 1892 beschäftigte die „Brauer & Co. Chemische Fabrik“ 36 männliche und 20 weibliche Arbeitskräfte. Das Fabrikgebäude befand sich im Stra­ßen­dreieck Dahlenburger Landstraße/Altenbrücker Ziegelhof. Heute ist dort das TZH Techno­logie-Zentrum Handwerk (früher BBZ-Berufsbildungszentrum). Der Sohn des Gründers, Richard Brauer, und späterer Besitzer ließ sich Am Schwalbenberg 45 ein Haus bauen, das allerdings bei einem Bombenangriff 1945 zerstört wurde.
So erfolgreich das Unternehmen war, so wenig war es in der Lüneburger Bevölkerung beliebt. Denn schließlich bestand das zu verarbeitende Rohma­terial aus mehr oder weniger frischen Knochen, an denen zum Teil noch Fleischfetzen hingen. Eine Auflistung aus dem Jahre 1929/30 dokumentiert, dass große Wagenladungen davon angeliefert wurden. Das allein war sicher schon kein schöner Anblick und in der warmen Jahreszeit eine stinkende Angelegenheit. Bei Westwind waren die Gerüche zwar keine große Belästigung, doch bei Ostwind war die Stadt tagelang nahezu verpestet – es stank zum Himmel.
Nicht nur die Geruchsbelästigungen gaben Anlass zu ständigen Klagen; auch die Abwasserproben ergaben, dass schädliche Stoffe abgeleitet wurden. Neben der häufigen Madenplage auf dem Fabrikgelände übertrug diese sich bis auf die Dahlenburger Landstraße und auf den Schwalbenberg. Die Tierchen fanden sogar ihren Weg durch die Kanalisation bis in den Lösegraben – zur Freude der Angler, denn die Fische konnten sich daran „dick und fett“ fressen.
Schon Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen die Klagen über die Belästigungen derart zu, dass sich die Stadt veranlasst sei, die Gewerbeinspektion auf den Plan zu rufen. Die Fabrik wurde aufgefordert, Abhilfe zu schaffen. So sollte die Anfuhr der Knochen nur in geschlossenen Wagen, die Lagerung auf dem Fabrikgelände in dafür bestimmten Schuppen erfolgen, also nicht mehr im Freien und fest verschlossen, so dass sich bei Wind keine Geruchsbelästigung mehr ergab. Doch die Umsetzung der Auflagen war nicht von Dauer. Immer noch fuhren Transportautos offen mit zum Teil schon stark verwesten Knochen, von denen manchmal auch einige herunterfielen – zur Freude von streunenden Hunden, die sich daran gütlich taten.

Der Postbetriebsassistent Meyer fand einmal einen ganzen Rindervorderfuß auf dem Fußweg der Dahlenburger Landstraße. Die Lüneburgschen Anzeigen berichteten regelmäßig. In der Ausgabe vom 13. Juni 1925 war zu lesen: „Wenn die Reisenden abends vom Bahnhof kommen, so werden ihre Riech­organe nicht etwa erfüllt von ozonreicher Luft des Bade­ortes, sondern der Gestank der chemischen Fabrik von Scheidemandel verpestet zuweilen die Luft bis ins Stadtinnere hinein.“ Am 14. August 1925 kam es sogar zu einer Fliegenplage. Immer noch lagen die Knochen offen auf dem Fabrikhof. Auch 1927 – immer noch Gestank!
In den 1950er-Jahren erhielt die Scheidemandel-­Motard-Werke AG sogar eine Ausnahmegenehmigung durch die Gesundheitsbehörde der Freien Hansestadt Hamburg, die besagte, dass man berechtigt war, Knochen aus dem Ausland zu importieren. Nun kamen auch auf dem Wasserweg von Hamburg nach Lüneburg per Schiff tonnenweise Knochen an, allerdings diesmal ohne Geruchsbelästigung.
Doch schon in den 60ern ging es wieder los mit Beschwerden. Es wurde festgestellt: „Es stinkt immer noch in Lüneburg“. Man nannte das schon „Lüneburger Düfte“. Die Leimfabrik war immer wieder Zielscheibe heftiger Kritik. Schließlich – nach mehreren Prozessen und behördlichen Maßnahmen – wurden die Lüneburger Scheidemandel-Motard-Werke im Laufe des Jahres 1969 stillgelegt. Der letzte Knochen­wagen kam am 13. November 1969, nachdem am Tag zuvor eine Halle abgebrannt war. Am 31. Dezember waren alle Teile des Werkes stillgelegt. Das Grundstück erwarb die Stadt.
Es wird erzählt, dass seinerzeit niemand so richtig traurig über die Schließung der Leimfabrik war.

Fotos: Enno Friedrich

Anzeige






Wir verwenden Cookies, um Ihnen den bestmöglichen Service zu gewährleisten. Wenn Sie diese Website weiter nutzen, stimmen Sie der Cookie-Nutzung zu.