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Der Lüner Hof

geschrieben von Irene Lange im Februar 2014

Vom klösterlichen Stadthof zum Seniorenheim: Der Lüner Hof blickt auf 600 Jahre Geschichte zurück

chon im Mittelalter betrieben auch die Nonnen und Mönche einen schwunghaften Handel mit den von ihnen produzierten landwirtschaftlichen Produkten, wobei die Geschäfte normalerweise Kaufleute führten, die in Niederlassungen bzw. Lagerhäusern innerhalb der Städte tätig wurden. Gleichzeitig nutzte man hier die Möglichkeit, Güter zu erwerben, die auf dem Lande gar nicht oder nur schwer erhältlich waren. Diese Häuser waren zudem als Stadtresidenz für Nonnen und kirchliche Würdenträger gedacht, die nach dem Stadtbesuch eine Bleibe benötigten. Auch boten sie Zuflucht in Kriegs- oder anderen Gefahrenzeiten.
Maßgeschneidert auf die Bedürfnisse des Klosters Lüne, vor den damaligen geschützten Stadtmauern der Stadt Lüneburg gelegen und von Benediktiner­innen bewohnt, entstand vor rund 600 Jahren in Lüneburg ein gewaltiges Stapel- und Lagerhaus mit massivem Gewölbekeller in unmittelbarer Hafennähe. Der Gebäudekomplex bestand aus einem Haupthaus mit einer überbauten Durchfahrt zum Innenhof mit Remise und Lagerbauten.

Der Lüner Hof war als Stadtresidenz für Nonnen und kirchliche Würdenträger gedacht, die nach ihrem Stadtbesuch eine Bleibe benötigten.

Die Kauf­urkunde für das Grundstück wurde 1356 ausgestellt, erste Erwähnung fand es jedoch bereits 1282. Das darauf befindliche Bauwerk wurde 1361 errichtet, seine Fassade verfügt noch heute annähernd über ihr ursprüngliches Aussehen aus dem 14. Jahrhundert. Damit zählt es zu den ältesten Häusern Lüneburgs. Für den Konvent des Klosters Lüne war es bis zur Reformation der städtische Stützpunkt, wobei die Pröpste überwiegend nach außen agierten, die Äbtissinnen hatten das Kloster normalerweise nicht zu verlassen.
Zu Zeiten des Handels gelangten die über den Wasserweg herangeschafften Waren über einen Flaschenzug im Dachfirst in das Obergeschoss. Von dort wurden sie mittels einer mächtigen hölzernen Drehwinde – die heute noch erhalten ist – durch Fallluken in sämtliche Geschosse des Hauses transportiert. Hauptsächlich diente der Lüner Stadthof seinerzeit nämlich als Speicher, in dem Getreide und andere Güter, die das Kloster aus seinen Besitzungen lieferte, aufbewahrt wurden. Eine Kapelle bot den Nonnen bei ihren normalerweise kurzfris­tigen Aufenthalten zumindest in den Grundzügen eine Fortsetzung des klösterlichen Lebens mit Gottes­diensten.

Aus einer Chronik des Klosters Lüne geht allerdings hervor, dass sich im Jahre 1519 infolge kriegerischer Auseinandersetzungen zwischen dem Hildesheimer Bischof und dem Braunschweiger Herzog der gesamte Konvent verängstigt in das Lüner Stadthaus flüchtete. Obwohl der erzwungene Aufenthalt nur einige Tage dauerte, schienen alle das gewohnte zurückgezogene Klosterleben sehr zu vermissen. In der Chronik heißt es: So zog man „(…) unter Tränen in die Stadt wie einst die Juden in babylonische Gefangenschaft“.
Der Lüner Hof war auch schon einige Jahre nach seiner Erbauung Zufluchtsort für die Mönche von St. Michaelis Lüneburg. Im Zuge des Erbfolgekriegs zwischen Welfen und Askaniern im Jahre 1369 warfen die Lüneburger Bürger die Fürsten aus der Stadt und zerstörten deren Burg auf dem Kalkberg. Auch das nahegelegene Kloster wurde aufgelöst. Dessen Bewohner fanden vorübergehende Aufnahme im Lüner Stadthaus, bis sie ein neues Gebäude innerhalb der Stadtmauern be­ziehen konnten.
Bis 1530 nutzte das Kloster Lüne das Stadthaus als weltlichen städtischen Stützpunkt. Nach der Reformation war das Gebäude von 1530 bis 1594 zunächst im Besitz des Klosteramtmanns, wurde dann gegen Erbzins verpachtet, bevor es 1704 an den Kaufmann Jürgen Martens überging. Über hundert Jahre – von 1730 bis 1842 — lebten Mitglieder der Kaufmannsfamilie Albers in seinen Mauern, bis 1896 der Kaufmann Ernst Wiechell als neuer Besitzer folgte. Erst 1981 endete die Ära des Handels, und die Stadt übernahm das Gebäude, das danach längere Zeit leer stand und zeitweise Obdachlosen als Unterkunft diente. Aufgrund des unachtsamen Umgangs mit dem Feuer brannte 1983 sogar der Dachstuhl ab.
Unter dem Vorsitz des Pastors im Ruhestand, Wolfgang Michaelis, entstand im März 1987 der gemeinnützige Verein „Lüner Hof e.V.“. Schließlich fanden sich auch Investoren, die bereit waren, den Gebäudekomplex einer neuen Bestimmung zuzuführen: Gudrun und Werner Schettler aus Herne. Am 28. Mai 1988 konnte nach umfassen­den Restaurierungsarbeiten die Grundsteinlegung gefeiert werden.
So wurde ab 1988 aus dem einstigen Stadt- und Handelshaus des Klosters Lüne das Seniorenheim Lüner Hof. Mit entsprechenden Umbauten, jedoch mit Rücksicht auf die denkmalgeschützten Baulichkeiten und der Fassade, befinden sich innerhalb des Hauses nun moderne, gemütliche Zimmer und Aufenthaltsräume für über 40 Bewohner. Einrichtungsleiterin Maren Meixner und ihr Pflegeteam sorgen für eine rundum professionelle Betreuung in familiärer Atmosphäre, wobei die lange Geschichte und das historische Ambiente dem Aufenthalt in diesem Gebäude sicher noch einen besonderen Reiz verleihen. (ilg)

Fotos: Enno Friedrich

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