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Nah dran an den Menschen

geschrieben von Natascha Fouqet im Dezember 2018

Vor 35 Jahren ging das Straßenmagazin „Hinz&Kunzt“ als Kooperationsprojekt von Obdachlosen und Journalisten an den Start

Sie nennen sich „Hinz & Künztler“, die rund 530 Menschen, die das Magazin „Hinz&Kuntzt“ in den Straßen Hamburgs und Lüneburgs verkaufen. Menschen, die wohnungs- und obdachlos sind, die vom Leben aus der Bahn geworfen wurden. Sie sind überall dort zu finden, wo sich das Leben einer Stadt abspielt: In Cafés, in Res­taurants, vor Einkaufszentren, in Fußgängerzonen. Was auffällt: Keiner wird jemals ein „aggressives“ Verkaufsverhalten gegenüber den Passanten zeigen; ein bewusst etablierter Verhaltenskodex, der die Verkäufer des Magazins „Hinz&Kunzt“ auszeichnet. Schließlich sind sie die wichtigsten Repräsentanten eines Printprodukts, das längst den Ruf des professionellsten und auflagenstärks­ten Straßenmagazins genießt. Vor 35 Jahren ging es an den Start, die Idee: ein Sprachrohr für Obdachlose zu sein. Ziel des Gründers Stephan Reimers, damals Landespastor und Leiter des Diakonischen Werkes, war es, jenen Menschen mit einer Tätigkeit und einem kleinen Einkommen eine Struktur im Alltag und eine Perspektive zu geben. Nicht nur mit dem Verkauf – 1,10 Euro von 2,20 Euro je Exemplar erhält der Verkäufer – sondern vor allem, indem diese Menschen wieder einer regelmäßigen Tätigkeit nachgehen, zu einem wahrgenommenen Glied innerhalb der Gesellschaft werden. Wer um Almosen bettelt, findet keine Beachtung. Wer einen Beruf hat, befindet sich auf Augenhöhe.
Profis geben dem Magazin sein Gesicht
Zwar greift das Magazin redaktionell das Thema Obdach­losigkeit gezielt auf, und doch ist es alles andere als das, was sich manch einer unter einem „Obdachlosen­magazin“ vorstellt. Von Anfang an zeichnen gestandene Journalis­ten, renommierte Fotografen und Grafiker dafür verantwortlich, dass Monat für Monat ein hochprofessionelles Stück Lesestoff erscheint. Sowohl optisch als auch inhaltlich kann es manch einem etablierten Magazin aus renommiertem Verlagshaus das Wasser reichen. Chefredakteurin Birgit Müller, seit der ersten Stunde dabei, erinnert sich an die Geburt des Magazins: „Es war eines unserer ersten Treffen im Sommer 1993. Gründer Dr. Stephan Reimers hatte ein Grüppchen Obdachloser und zwei, drei Journalisten zu einem ersten Brainstorming zusammengebracht. Ein Obdachloser sagte mit Nachdruck: ‚Macht bloß kein Jammerblatt!‘“. Dieser Satz wurde zum roten Faden für die Redaktion, die es bis heute versteht, vom Leben auf der Straße, von Sorgen und Nöten dieser Menschen zu berichten, ohne auf die Tränendrüsen zu drücken. Seit nunmehr 35 Jahren produziert sie ein überaus professionelles Magazin, das sowohl seriös, als auch unter­haltsam über Sozialpolitisches, über das Stadtleben, die Menschen und Kultur berichtet. Ein Boulevardblatt also im besten Sinne des Wortes.
Finanziell steht „Hinz&Kunzt“ dank derjenigen Menschen auf eigenen Beinen, die das kleine Unternehmen mit ihren Spenden unterstützen. Diese fließen hauptsächlich in die Sozialarbeit und die Festangestellten, davon sind nahezu die Hälfte ehemalige Obdachlose. Alle werden nach Diakonie­tarif bezahlt. „Wir wollen hier nicht zu Dumping­löhnen arbeiten lassen, das gilt auch für Redaktion und freie Journalisten“, so Birgit Müller.
Redaktion, Öffentlichkeitsarbeit & mehr
Seit 2004 ist Dr. Jens Ade Geschäftsführer. Der Betriebswirt war viele Jahre Chef einer Werbeagentur. Als diese an einen Konzern verkauft wurde, übernahm er die Geschäftsleitung des Straßenmagazins. Seine Tür steht meist offen, Verkäufer können jeder­zeit bei ihm vorbeischauen. Unterstützt wird Ade von zahlreichen Mitarbeitern: das Team der Öffentlichkeitsarbeit, zu dem seit 2003 auch Verkäufer gehören, die Redaktion, die Mitarbeiter in der IT-­Abteilung und schließlich das Vertriebsteam, be­stehend aus ehemaligen Obdachlosen, die Hand in Hand mit gestandenen Vertriebs­profis arbeiten. Sie organisieren den Zeitungsverkauf an die „Hinz&Künztler“, betreuen die Verkaufsplätze und leiten auch den Hamburger Kaffeetresen, wo sich die Verkäufer aufwärmen, mit Kollegen austauschen oder bei einem heißen Getränk neue Energie tanke können. In der Mittagspause verwandelt sich der Tresen in eine Essensausgabe, wo Lebensmittel von der Hamburger Tafel verteilt werden. Den Verkäufern stehen zudem eine kleine Kleiderkammer, eine Dusche und ein Computer zur Verfügung. Sozial­arbeiter beraten die „Hinz&Kunzt“-Verkäufer bei Suchtproblemen, Einsamkeit, Geldsorgen, aber auch bei Herzschmerz und überhaupt in allen Krisen. Unterstützt wird auch bei der Suche nach einer Wohnung oder Unterkunft, bei Stress mit dem Amt oder Ärger in der Familie. Man ist gut vernetzt in der Wohnungslosenhilfe. Bei Rechtsfragen können ehrenamtlich arbeitende Anwälte eingeschaltet werden.
Hat sich etwas verändert in den 35 Jahren? Durchaus, das Projekt „Hinz&Kunzt“ hat viel bewirkt, doch reicht es längst noch nicht, um allen von Obdachlosigkeit bedrohten Hamburgern eine neue Perspektive bieten zu können. Die Not, die sich auf der Straße zeigt, ist vielfältiger geworden. „Hinz & Kunzt“ hofft auf eine weiterhin treue Leserschaft, um auch in Zukunft ein engagiertes Sprachrohr für diese Menschen sein zu können – und weil sich auch ein „Obdachlosenmagazin“ an den Gewohnheiten seiner Leser orientiert, wird seit einiger Zeit täglich auch im Internet unter www.hinzundkunzt.de über Neuigkeiten aus Hamburg und der Umgebung berichtet.
Hamburg – aus einem neuen Blickwinkel
Ein empfehlenswertes Angebot, das man unbedingt einmal wahrnehmen sollte, ist ein alter­nativer Stadtrundgang, den die „Hinz&Kunzt“-Stadt­führer an­bieten. Dieser führt die Teilnehmer an besondere Orte, die garantiert in keinem Reiseführer zu finden sind. Gezeigt wird eine andere Seite der Stadt an der Alster – Hamburgs Nebenschauplätze sozusagen, jene Orte, die Ihnen einen Einblick ­geben, wie Wohnungslose leben. Rund 200 Mal im Jahr führen Chris und Harald Interessierte in Gruppen durch die City. Buchbar ist die Führung online unter www.hinzundkunzt.de/stadt
rundgang.(nf)

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