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Teuflisch poetisch

geschrieben von Natascha Fouquet im Februar 2018

Teufel auch! Auf Lüneburgs Bühne wird scharf geschossen — nicht etwa mit herkömmlicher Munition, sondern mit magischen Kugeln, die ihr Ziel verlässlich erreichen. Der Schütze ist der Amtsschreiber Wilhelm, schwer verliebt in Käthchen, die Förstertochter. Doch der Förster-Papa bevorzugt nun einmal einen echten Kerl, einen, der zielen und schießen kann. Der ­Jägerbursche Robert käme da als künftiger Schwiegersohn gerade recht. Doch Wilhelm lässt nicht locker, trainiert ehrgeizig mit der Flinte. Allein, ihm fehlt das Talent, jeder Schuss geht daneben. Ihm bleibt folglich nichts anderes übrig, als die Hilfe vom diabolischen „Stelzfuß“ anzunehmen, der ihn verhexte Freikugeln gießen lässt. Die Erfüllung seiner Liebe scheint in greifbarer Nähe, doch ist, wie man weiß, im Leben nichts umsonst. Stelzfuß fordert eine Gegenleistung, quid pro quo. Er allein will entscheiden, welches Ziel die sechste Kugel treffen soll. Das lässt Böses ahnen.
Soviel zur Handlung. Kommt Ihnen bekannt vor? Das Thema lehnt sich an die „Freischütz“-Oper von Carl Maria von Weber an. Vor 28 Jahren feierte dessen Adaption, die Rockoper „The Black Rider — The Casting of the Magic Bullets“ — inszeniert von Kult-Regisseur Robert Wilson, geschrieben vom literarischen Underground-Veteran William S. Bourroughs und vertont von Reibeisen-Stimme Tom Waits —, im Hamburger Thalia Theater seine triumphale Premiere.
Im Lüneburger Theaterhaus hat sich nun ein Regie-­Duo dieses Stoffes angenommen, eines, das bereits bestens vertraut ist mit einer bizarr-poetischen Ästhetik und sperrigen Klängen. Gregor Müller verließ eigens für diese Inszenierung temporär seine neue Heimat Leipzig, um gemeinsam mit seinem Schauspielkollegen Philip Richert in Wilsons oft surrealen Bühnenkosmos einzutauchen.
Keine Frage, die Mischung aus Musik und Märchen für Erwachsene sei schon ihre Nische geworden, in der sie sich sauwohl fühlten, so Müller. Und in der Tat, dieses Genre steht ihnen gut zu Gesicht. Mit „The Black Rider“ folgt nun auf das kleine, episodenhaftes Format des „Struwwelpeter“, inszeniert für die Studiobühne, die Rockoper: große Bühne, großartige Musik und große, poetische Bilder. „Unsere Aufgabe lag darin, um einiges größer zu denken, aber mit der gleichen Liebe zum Detail an die Umsetzung zu gehen“, sagt Gregor Müller. Eine Herausforderung allemal, auch deshalb, weil man in einer Doppelfunktion agiert und neben dem ­Regieführen selbst auf der Bühne steht: Philip ­Richert als morbid-melancholischer Stelzfuß, ­Gregor Müller als liebestrunkener Wilhelm und Stefanie Schwab in einer „Hosenrolle“ als Wilhelms Widersacher Robert.
Für die Besetzung der weibliche Hauptfigur, dem Käthchen, hat man quer gedacht: „Ich wollte keine weitere Julia oder Emilia Galotti auf die Bühne bringen, keine Frauenfigur, die das romantische Klischee bedient“, erklärt Richert. Stattdessen kreierte das Regie-Team eine Figur, die ganz ohne Sprache auskommt. So kam man auf die Sparte Ballett — und auf Júlia Cortés. „Der Tanz vermag das Charakteristische dieser Figur unglaublich stark zu zeichnen.“
Dieses spartenübergreifende Crossover bringt eine zusätzliche Farbe in das Stück, das scheint Programm zu sein: Sie lassen Puppen spielen und Stelzenläufer tanzen, lassen Tiere und maskierte Wesen die Bühne bevölkern, ziehen Atmosphäre erzeugende Soundebenen ein und kreieren mit all dem eine großartige, poetische Märchenwelt. Swana Gutke baute dem Ganzen Kostüme und ein Bühnen­bild, das sich auf die vier Elemente Feuer, Wasser, Erde, Luft bezieht.
Die Musik für dieses „Teufelswerk“ liefert das „Black-Rider“-Orchester: Benjamin Albrecht (Piano, Harmonium, Keyboards), Jan Hellberg (Akkordeon, Gitarre), Henning Thomsen (Schlagzeug), Robert Schulz (Bass, Horn), Dominik Semrau (Posaune, Trompete), Philip Richert (Gitarre) und Gregor Müller an der singenden Säge. Dass der Sound mitunter schön schrabbelig klingt, klingen muss, ist der Komposition von Tom Waits zu verdanken. „Hier und dort haben wir an allzu sperrigen Kanten gefeilt, den schaurig-schönen, erdig-bluesigen Charakter haben wir jedoch erhalten“, erklärt Bandleader Benjamin Albrecht. Richert, Müller und auch Stefanie Schwab leihen den Songs, die sich irgendwo zwischen Cabaret, Jazz-Shuffle, erdigem Blues und Ballade einordnen lassen, an diesem Abend ihre Stimmen. Sehen Sie drüber hinweg, wenn Sie die gesprochenen Texte in ihrer wundersamen Melange aus deutscher und englischer Sprache zunächst erstaunen. Das Spektakel wird jede Menge mehr zum Schauen und Hören zu bieten haben!(nf)


Nach der Premiere am 9. Februar wird ab
22.00 Uhr zur „Black-Rider“-Party im Foyer
mit Live-­Musik geladen.

Aufgrund der großen Nachfrage gibt es bereits zwei Zusatztermine: 7. April um 20.00 Uhr und 17. April um 19.00 Uhr.

Einführung jeweils 30 Minuten vor
Vorstellungsbeginn.

Foto: Dan Hannen

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