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Überraschung

geschrieben im Dezember 2018

War früher eigentlich wirklich alles besser als heute? Und wenn ja, warum nicht? LoRenz sucht Orientierung in unserer modernen Welt und schaut dabei zurück auf Kindheit und Jugend

Neulich eröffnete mir meine Gattin, sie wolle am Abend mit mir ein Konzert der Schlagzeugerin Eva Klesse besuchen. Eva Klesse? Nie gehört. „Viel zu wenig Frauen im Jazz und erst recht zu wenig Frauen am Schlagzeug. Da müssen wir hin!“, entschied meine Frau dennoch. Als wir uns 30 Minuten vor Konzertbeginn dem Ort des Geschehens näherten und ich den noch fast leeren Parkplatz erblickte, keimte die Hoffnung in mir auf, das Konzert könne wegen Krankheit (also wegen zu wenig im Vorverkauf abgesetzter Karten) abgesagt worden sein. Ich begann, mich auf einen netten Abend zu Hause zu freuen. Meine Frau jedoch schritt unverdrossen zur Abendkasse und erstand zwei Eintrittskarten für uns, zum Preis von 22 Euro pro Ticket. „So viel Geld für ein Jazzkonzert?“, nörgelte ich. „Ich hoffe, die überraschen mich!“
Pünktlich um 20 Uhr trat Eva Klesse mit ihrer Band vor ein inzwischen doch recht stattliches Pub­likum und setzte sich an ihr Drumset. Schon während des ersten Stücks begriff ich: Die 22 Euro waren gut angelegt! Da waren Musiker am Werk, die ihr Instrument (Klavier, Saxofon, Bass und Schlagzeug) mit größter Vollkommenheit beherrschen und sich vollends der Freude am gemeinsamen Musizieren hingeben. Diese Freude überträgt sich sofort und unmittelbar auf das Publikum. Die originellen Kompositionen, voller Klang- und Erfindungs­reichtum, sind im Ablauf perfekt einstudiert – bis hin zu den stets besonders originellen Schlüssen – und lassen doch viel Raum für Improvisation und Spontaneität. Eva Klesse ist eine ungewöhnliche Schlagzeugerin: Wenn es sein muss, langt sie tüchtig zu, doch besonders stark ist sie in den ­ruhigeren Passagen, wenn sie zum Beispiel einen Stick oder Besen unter den Arm klemmt, um nur noch mit den Fingerkuppen über die offene Hi-Hat zu streichen oder die Snare-Drum mit den Fingernägeln anzuschlagen. Auch an den leisesten Stellen phrasiert sie hörbar und nachvollziehbar, als sei das Schlagzeug ein Melodie-Instrument, und besticht, trotz fast kindlich verspielter Bewegungen, immer durch allerhöchste Präzision und Ausdruckskraft.
Ich war überrascht. Dabei ist Jazz – Sie haben es schon geahnt – nicht wirklich meine Musik. Aufgewachsen bin ich neben vielfältiger Unterhaltungs­musik vor allem mit der so genannten Klassik. Daran waren meine Eltern völlig unschuldig. Die gingen zwar hin und wieder in die Oper, hatten sonst aber kein besonderes Interesse an Musik, fanden Jazz/Rock/Pop meistens furchtbar und Schlager lustig. Ich verbrachte dagegen schon als kleines Kind viel Zeit allein vor dem Radio. Das große Röhrenradio im Wohnzimmer war mein Ohr zur Welt – und die Welt bestand für mich aus Musik. Ob ich die Beatles oder eine Operette hörte, war mir völlig egal. Ich war aber sicher, dass all diese Musiker und Sprecher, deren Stimmen und Instrumente ich hörte, Minia­turmenschen waren, die im Radio wohnten. Erste Konzert- und Opern­besuche folgten, bei denen ich nicht nur konzentriert zuhörte, sondern auch aufpasste, dass meine Eltern nicht einschliefen und womöglich schnarchten. Zur Musikschule meldete ich mich praktisch selbst an und bekam nach einer (vor allem für die Lehrerin) anstrengenden Bewährungszeit auf der Blockflöte endlich den ersehnten Geigenunterricht. Als Teen­ager brachte ich mir zusätzlich selbst bei, mit der Gitarre die Freunde zu beeindrucken. Ich hatte nämlich festgestellt, dass man als angehender Rockstar vor allem bei den Mädchen sehr viel mehr Interesse erweckt als durch den Vortrag einer Wohlfahrt-Etüde. Kurz vor Ende meiner Schulzeit gründete ich dann – wieder als Geiger – mit Freunden eine Band, deren Stil man damals gern als „Jazz-Rock“ bezeichnete. Während meine Mitspieler wussten, was sie (auf dem Instrument) taten, stellte ich nun schmerzlich fest, dass man auch für Jazzimprovisationen Tonleitern und Dreiklänge üben muss und cool sein allein nicht ausreicht. Immerhin – wir brachten es damals zu einiger Bekanntheit in Hannover und durften mehrmals sogar im Leine-Domizil, damals der angesagteste Club der Stadt, und im Raschplatzpavillon auftreten.
Eva Klesse, 32 Jahre alt, hat in Hannover kürzlich eine Professur an der Musikhochschule angetreten. Soweit habe ich es nie gebracht. Aber es ist mir doch gelungen, aus meinen musikalischen Neigungen einen Beruf zu machen, der mir Freude bereitet und einen guten Beitrag zum Familieneinkommen leistet. Ich habe Glück gehabt, doch viele andere Musiker arbeiten unter prekären Bedingungen. Mein Freund Michael zum Beispiel: Er ist ein großartiger Geiger und ist sich und seiner Musik immer treu geblieben. Als Freiberufler hat er vier Kinder großgezogen, von denen drei heute studieren, zwei davon im Ausland. Die Musikschule, an der er arbeitet, wird – zum Glück ist das nicht überall so – von der Kommune sehr stiefmütterlich behandelt. Sie hat 36 Lehrkräfte, von denen 18 fest angestellt sind. Die werden also auch während der Ferien bezahlt und wenn sie krank sind. Die anderen – zu ihnen zählt Michael –, erhalten nur für jede gegebene Stunde ein bescheidenes Honorar, obwohl die Eltern ihrer Schüler regelmäßig hohe Gebühren an die Musikschule zahlen. So gleicht der Überschuss, den die Freiberufler erwirtschaften, den Verlust aus, den die Festangestellten einfahren. Jetzt ist Michael krank. Er hat Krebs und deshalb keine Einkünfte mehr. Erst nach sieben Wochen gibt es Krankengeld von der Künstlersozialkasse. Zu Weihnachten werde ich Michael mit einer CD vom Eva Klesse Quartett überraschen. Die wird ihm sicher gefallen. Apropos, liebe Leserinnen und Leser – frohes Fest!LoRenz
Foto: 123rf.com © yarruta

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