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Unser Schloss ist die Folge einer Affäre

geschrieben von Irene Lange im Mai 2019

Wo heute das Landgericht im Lüneburger Schloss am Marktplatz seinen Sitz hat, steht hinter dem schmucken Barockbau aus dem 17. Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte.

iese Geschichte begann eigentlich mit der Zerstörung der Burg der Welfen auf dem Kalkberg. Von hier aus herrschte Herzog Magnus als Landesherr über die Lüneburger. Denen gefiel die Situation überhaupt nicht, weil diese immer mehr zur erzwungenen Besatzung und Ausbeutung wurde.
Schließlich konnten die Bürger durch eine List im Jahre 1371 die Burg einnehmen und zerstören, so dass der Herzog gezwungen war, seinen Regierungssitz nach Celle zu verlegen. Über mehrere Jahrhunderte hinweg war es dem Herzogtum durch Auflagen der Stadt Lüneburg nicht möglich, eine ständige Verwaltung in der Hansestadt zu unterhalten.
Schließlich jedoch übernahm Georg Wilhelm (1624 –1705) ab 1665 als Herzog zu Braunschweig und Lüneburg das Fürstentum Lüneburg. Eigentlich sollte er auf Drängen der Familie Sophie von der Pfalz heiraten, die er und sein jüngerer Bruder auf einer Reise nach Heidelberg kennengelernt hatten. Doch sein Junggesellenabschied in Venedig muss recht turbulent gewesen sein, denn er holte sich eine „galante“ Infektionskrankheit. Nun kam er wegen seines Eheversprechens in Zwangsnöte. Um die Ehre des Hauses zu retten, überredete er seinen Bruder Ernst August, die Braut zu heiraten. Er selbst versprach, künftig auf eine Ehe zu verzichten, um die Erbfolge auf den Bruder zu übertragen, der dadurch für die adlige Sophie eine standesgemäße Partie war.
Als Georg Wilhelm in Kassel der Französin Eléonore d’Olbreuse begegnete, war es um ihn geschehen. Die wegen ihrer Schönheit von vielen Männern umschwärmte Ehrendame der Herzogin von Thouars stammte aus einer Hugenotten-Familie des Landadels im Poitou. Zunächst wurde sie seine Mätresse, gleichzeitig aber zur „Frau von Harburg“ ernannt.
Eléonore aber wollte mehr, nämlich die volle Anerkennung als Herzogin. Erst nachdem im Jahre 1666 das einzige Kind der beiden – Sophie Dorothea – geboren war, wurde 1674 die Verbindung durch einen Gnadenakt des Kaisers Leopold I. legitimiert. Eléonore bekam den Titel „Gräfin von Harburg und Wilhelmsburg“. Sein gesamtes Privatvermögen hatte Georg Wilhelm ihr ohnehin schon vermacht und sich außerdem verpflichtet, standesgemäß für ihren verarmten Vater zu sorgen. Schließlich konnte 1676 die offizielle Vermählung vollzogen werden.
Es ist wohl davon auszugehen, dass Eléonore, nun auch Herzogin von Braunschweig-Lüneburg-Celle, eine für die damalige Zeit sehr selbstbewusste Frau war, die ihre Ziele durchzusetzen wusste. Doch schließlich soll ihre Ehe sehr glücklich gewesen sein. Die Tochter hingegen wurde nach einer behüteten Kindheit in eine Ehe mit Ernst Augusts Sohn Georg Ludwig gedrängt, die katastrophal verlief und schließlich nach ihrer Affäre mit dem schwedischen Grafen Königsmarck zur Scheidung führte. Dafür wurde Sophie Dorothea lebenslang (von 1694 bis 1726) nach Schloss Ahlden verbannt. Da half kein Bitten und Flehen – weder von ihr noch von der Mutter. Diese nämlich erwirkte von ihrem Gatten, dem Herzog Georg Wilhelm, dass er ihr einen standesgemäßen Sitz errichten ließ, von dem aus sie – auch nach dessen Tod – ihre in der Verbannung lebende Tochter besuchen konnte, ohne große Entfernungen zurücklegen zu müssen.

So kam es in den Jahren 1695 bis 1700 zur Errichtung des Lüneburger Stadtschlosses. Allerdings war es in dem Sinne kein Neubau. Georg Wilhelm kaufte nämlich den ganzen Block zwischen der Burmeisterstraße, der Bardowicker Straße bis hin zur Lüner Straße, wobei es sich zum Teil um sogenannte Witzendorff’sche Patrizierhäuser handelte. Allerdings ließ er die Gebäude für den Neubau seines Schlosses nicht abreißen, sondern lediglich entkernen. Der von ihm beauftragte herzogliche Oberlandbaumeister Johann Caspar Borchmann schuf einen stattlichen Barockbau, direkt im Herzen der Hansestadt am Marktplatz mit dem Rathaus. In dem prächtig mit Stuckdecken ausgestatteten Räumen residierte Eléonore Desmier d’Olbreuse nach dem Tod ihres Gatten 1705 bis 1717. Ihre letzten Lebensjahre verbrachte sie damit, sich um ihre Tochter zu kümmern. Immer noch versuchte sie – allerdings erfolglos – deren Freilassung zu erwirken. Sie starb 1722 und wurde in der Fürstengruft in der Stadtkirche St. Marien in Celle beigesetzt.

Im Lüneburger Stadtschloss erinnert noch heute das sogenannte „Eléonorenzimmer“ an die Herzogin. Hier hielt sie für eine kleine Gemeinde von Hugenotten in der Stadt sonntags Gottesdienste ab. Vielleicht konnte sie so ein wenig das Heimweh nach ihrer französischen Heimat überwinden, aus der sie einst von Ludwig XIV. samt ihrer Familie vertrieben wurde.
Seit 1925 befindet sich nun das Landgericht im ehemaligen Stadtschloss. So blieb die Justiz in Nähe der Stadtgerichtsbarkeit, die sich früher in den Mauern des Rathauses befand. 1987 sind unter den abgehängten Decken kunstvolle Stuck­arbeiten gefunden und freigelegt worden. Die im Obergeschoss aus dem 16. Jahrhundert stammenden bemalten Deckenbalken sind bis heute erhalten geblieben. Zudem ist die Freitreppe zum Schloss nach einigem Hin und Her zwischen Denkmalbe­hörde und Bauamt wieder so gestaltet, wie sie ursprünglich war. Durch ihre offene Bauweise lädt sie ein, sich niederzulassen, um das geschäftige Leben und Treiben auf dem Marktplatz zu beobachten – wie schon zu Lebzeiten der Eléonore Desmiers d‘Olbreuse.

Fotos: Sammlung Hajo Boldt, Enno Friedrich

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