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Vom „knokenhouwer“ zum modernen Schlachtbetrieb

geschrieben von Irene Lange im Februar 2018

EINST WAR DIE OBERE UND DIE UNTERE SCHRANGENSTRASSE DIE HEIMAT VON SCHLACHTERN UND KNOCHENHAUERN. LÜNEBURGS ERSTER MODERNER SCHLACHTHOF ENTSTAND AUF DEM GELÄNDE DER EHEMALIGEN BEZIRKSREGIERUNG

Fleisch und Wurst zählten lange Zeit zu den Luxusgütern der Oberschicht und des Adels. Hausschlachtungen waren dennoch über Jahrhunderte hinweg ein winterlicher Höhepunkt in vielen Haushalten auf dem Lande. Die Nutztiere zog man für diesen Zweck in Klöstern, auf Gütern und Bauernhöfen heran, die Schlachtung selbst nahm meist einer der Knechte vor. Doch auch in den Städten wurden Schlachtungen vorgenommen. Mit ihrer Expansion seit dem 13. Jahrhundert wurde das sachgemäße Töten der Tiere zu einem anerkannten Handwerk. Das artgerechte Töten war damals noch Zukunftsmusik: Man schlug ein Kreuz über den Tieren, betäubte sie kurzerhand per Keulen- oder Axtschlag und führte anschließend den Halsstich oder Kehlschnitt durch. Einer Hausschlachtung folgte meist ein Fest, an das sich die ältere Generation sicher noch erinnern wird: Bis in die späten 1970er-Jahre war es Brauch, Verwandte und Freunde zum opulenten Mahl einzuladen und Nachbarn einen guten Topf Brühe oder eine frische Wurst zukommen zu lassen. Schon im Mittelalter war der Fleischbedarf merklich angestiegen, zu jener Zeit entstand das Berufsbild des Knochenhauers, des Fleischers oder Metzgers, die sich schnell in Zünften organisierten. Sie kauften das lebende Vieh, schlachteten es und veräußerten ihre Produkte, die sie aus dem Fleisch und den Knochen herstellten, auf der Fleischbank. Auch entstanden nun Schlacht­häuser und Schlachtplätze, die meist außerhalb der Wohngebiete lagen, womit man das Schlachten „vor der Haustür“ verhinderte.

Auch in Lüneburg wurden Verkaufsbuden – sogenannte Schrangen (altdeutsch Schranken) — eingerichtet, an denen die Schlachter bzw. Knochenhauer (knokenhouwer) ihre Waren feilboten, 1302 waren es bereits 19 Stände. Ihre Betreiber hatten vom Rat eine Genehmigung einzuholen, mussten einen Zins an die Stadt­kämmerei zahlen und strenge Auflagen erfüllen. So wollte der Rat 1487 eine Sonntagsruhe ein­führen, scheiterte letztlich aber am Widerstand der Fleischer. Noch heute sind deren Namen bekannt, unter ihnen Lutke Nygebur, Lutke Schulte, Diderick Monnick, Kersten Alverding, Hinrick Hanemann, Diderick Stercke. Heute erinnern die Obere und Untere Schrangenstraße an das vergangene Gewerbe der Knochenhauer bzw. Fleischer, die über mehrere Jahrhunderte in diesem Stadtteil ihrer Arbeit nachgingen. Im Lauf der Jahrhunderte wuchs nicht nur der Fleischbedarf, es wurden auch höhere Ansprüche an die Hygiene gestellt. Am 1. Oktober 1892 wurde auch in Lüneburg ein nach modernsten Gesichtspunkten errichteter Schlachthof in Betrieb genommen, ein massiver roter Ziegelbau, der auf einem mehr als 6.000 m2 großen Gelände zwischen dem Antoni-Friedhof und der Reichenbachstraße errichtet wurde. Auch das Verwaltungsgebäude mit der Wohnung des Direktors war dort untergebracht, neben weiteren Gebäuden für die Freibank, die Meisterzimmer und Ställe – auch für Pferde. Die Schlachthallen waren für Groß- und Kleinvieh angelegt, ebenfalls mit dazugehörigen Stallungen. Auch ein Kessel- und Maschinenhaus sowie ein Kühlhaus mit 260 m2 waren vorhanden. Sowohl die lebenden Tiere als auch das Schlachtgut wurden nach den Bestimmungen des Reichsfleischbeschaugesetzes tierärztlich untersucht, später nochmals durch einen so genannten Trichinen­beschauer. Über die damalige Auslastung des Schlachthofes gibt die Anzahl der Schlachtungen von 1929 Auskunft: 1.589 Rinder, 2071 Kälber, 13.487 Schweine, 1.359 Schafe, 71 Ziegen und 230 Pferde — insgesamt also 18.807 Tiere innerhalb eines Jahres. Doch schon in den 1960er-Jahren wurde der Ruf nach der Errichtung eines neuen Schlachthofes laut, auch von Seiten des Regierungspräsidenten. Eine Entscheidung für den Neubau erfolgte 1967 nach langen Debatten im Rat. Grundlage für den Neubau – ein Projekt von rund 6 Mio. DM – war ein Vertrag mit der größten Versandschlachterei der Bundesrepublik, der Firma Stücken (Fleisch-­Union Hamburg). 1969 begannen die Baumaßnahmen an der Lüner Rennbahn. Es sollte der ­modernste Schlachthof im ganzen norddeutschen Raum werden und nicht zuletzt der Struktur­verbesserung der Landwirtschaft dienen. Geplant war, neben den Landkreisen Lüneburg und Harburg auch weite Teile der Landkreise Uelzen, ­Lüchow-­ Dannenberg, Lauenburg und Walsrode zu ver­sorgen. Während im alten Schlachthof jährlich ca. 35.000 Schweine und 6.000 Rinder auf der Schlachtbank landeten, sollten nun mindestens 200.000 Schweine und 20.000 Rinder verarbeitet werden. Das alte Gelände wurde mitsamt den Gebäuden vom Land Niedersachsen aufgekauft. Dort entstand nach dem Abriss des alten Schlachthofes Ende der 70er-Jahre ein neues Gebäude für die Bezirksregierung.

Der neue Schlachthof wurde 1971 unter Direktor Dr. Horst Meyer eröffnet. Doch nur zwei Jahre später sorgten sich Rat und Verwaltung um die wirtschaftliche Situation aufgrund der viel zu geringen Auslastung des Schlachthofes. Immer wieder gab es Anlass zu Auseinandersetzungen mit dem Betreiber und Pächter Reinhard Stücken, der sich nicht an die mündlich zugesagte Schlachtquote hielt, sondern lediglich an die im Vertrag festgelegte Zahl. Nun schien der Schlachthof zu klein, obwohl dort angeblich Schlachter „bis zum Umfallen“ in 15-Stunden-Schichten arbeiteten. Doch sämtliche Bemühungen, eine Klärung zu bewirken, scheiterten. Auch der neue Betreiber, Vion Food AG Hamburg, konnte das Ende nicht aufhalten. Dies bestätigte seinerzeit auch die Fachbereichsleiterin Andrea Schröder-Ehlers (SPD): „Der Betreiber sieht keine Möglichkeit, den Schlachthof noch wirtschaftlich zu betreiben“. Ein neuer Betreiber habe sich nicht gefunden. Das endgültige Aus für den Lüneburger Schlachthof kam schließlich 2006. Mit einer Zahlung von 350.00 Euro an die Stadt kaufte sich Vion Food „frei“. Gebäude und Gelände wurden veräußert. Wegen ungeklärter Artenschutzfragen war ein Abriss der Gebäude zunächst zurückgestellt, doch später durchgeführt worden. Geplant, jedoch noch nicht in „trockenen Tüchern“, ist dort der Bau einer Sport- und Eventhalle, der „Arena Lüneburger Land“.(ilg) FOTOS: Archiv Hajo Boldt

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