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Wind unter den Flügeln

geschrieben von Natascha Fouquet im Juli 2016

Der Luftsportverein Lüneburg e.V. an der Zeppelinstraße bietet auch Gästen die Möglichkeit, mit einem Segelflug Lüneburg aus einer ungewohnten Perspektive zu entdecken

Am 28. Mai mache ich mich auf den Weg zum Flugplatz in der Lüneburger Zeppelinstraße. Die Sonne steht im Zenit, hier und da zieht eine freundliche Wolke durchs Himmelsblau. Die beste Voraussetzung für einen Segelflug, sagt Iris Eberhard. Oben bauchig, unten eine klare Kante — diese Wolkenbilder können für kundige Piloten der Hinweis sein, dass sich unter ihnen die so genannten Thermik-Bärte befinden, der Treibstoff für jeden Segelflugsportler. Philip Frantzheld ist mein Flugkapitän an diesem Tag. 26 Jahre ist er jung, passionierter Flieger seit 2008. Mittlerweile gibt er als Fluglehrer sein Wissen an den begeisterten Nachwuchs weiter.
Vor uns ergießt sich das weite Grün des Flugplatzes. Umrahmt von einem dichten Gürtel aus Laubbäumen wähnt man sich hier in einem Mikrokosmos, in dem es sich einzig und allein um eines dreht: das Fliegen.
Unsere „ASK 13“ ist startklar. Ich werde, den Fallschirm wie ein gemütliches Sitzpolster auf den Rücken geschnallt, auf den hinteren Platz unseres Doppelsitzers bugsiert. Anschnallen, Instrumente prüfen, Plexiglaskuppel schließen und dann lautet das Kommando auch schon „Seil straff“. Die Winde, die uns mit gut 100 km/h in steilem Winkel nach oben zieht, hat ihre Arbeit aufgenommen. Die Nase unseres Seglers drängt sich gegen den Luftwiderstand in den Himmel, ein Gefühl macht sich breit, wie in einem der temporeichen Fahrgeschäfte auf dem Jahrmarkt, vorfreudiges Magenkribbeln in­klusive. Der Erdboden rückt mit jedem zurückgelegten Höhenmeter in die Ferne, das Blau hingegen Stück für Stück näher. Ein leises „Klick“ signalisiert, dass sich das Schleppseil aus seiner Halterung am Flugzeugbauch gelöst hat; dann Stille, nur das leise Rauschen des Windes begleitet uns. Entfernungen erscheinen wie Katzensprünge – hier das Schiffhebewerk in Scharnebeck und gleich da drüben der Lüneburger Marktplatz. Gebäude und Landschaft verschwimmen zu einem abstrakten Gemälde. Vor mir mein fescher Pilot, der mir souverän die Technik erläutert, hier und da auf ein Sightseeing-­Highlight aus der Vogelperspektive hinweist. Immer abhängig von der vorhandenen Thermik erreicht ein Segler zwischen 500 und 1.500 m Höhe, wer es darauf ankommen lässt, erreicht durchaus schon einmal 3.000 m. In diesem Fall sollte eine Sauerstoffflasche zum Proviant an Bord gehören.

Nichts geht ohne das Team

Wir hingegen bewegen uns in zivilen Höhen, bevor wir zu einer sanften Landung ansetzen. In der Sonne sitzt das „Bodenpersonal“, die beiden passionierten Segelflieger Iris und Matthias Eberhard; sie dritte Vorsitzende, er Kassenwart der Segelfluggruppe – die idealen Ansprechpartner für meine Fragen also, während wir das regen Starten und Landen auf dem Flugplatz im Auge behalten. „Wer fliegt, geht keinem Hobby nach, sondern lebt eine Passion“, ist sich das Ehepaar einig, das seit nunmehr 16 Jahren die Lüne­burger Vereinsgeschichte begleitet. Es sei dieses Gefühl, alles hinter sich zu lassen, das sie so begeistert. Ein Tag auf dem Flugplatz sei so erholsam wie ein Kurzurlaub. „Unsere Region ist so unglaublich schön, der Blick von oben macht dies einmal mehr sichtbar“, ergänzt Frau Eberhard. „Nur ich und der Flieger — eine bessere Therapie bei einem stressigen Alltag gibt es nicht!“ Und dann wäre da ja auch noch das rege Vereinsleben, die zahlreichen Kontakte über Jahre bestehen und dieses Hobby zu einem sehr familiären machen. Wer einmal Flugluft geschnuppert hat, bleibt meist Zeit seines Lebens dabei.
Das Schnuppern beginnt schon in jungen Jahren: 14-jährig kann man mit der Ausbildung beginnen. Der Flugschein ist alles andere als ein Pappenstiel, so Matthias Eberhard. In drei Ausbildungsabschnitte ist die Aus­bildung zum Segelflieger unterteilt , in sieben Fächern müssen Prüfungen in Theorie und Praxis abgelegt werden. Nach 60 bis 80 Starts ist man zunächst fit für die A-Prüfung, bedeutet: für den ersten Alleinflug. Mit weiterer fliegerischer Erfahrung folgen die B- und C-Prüfung. Manch einer mag da ins Zweifeln kommen, ob Menschen in diesem jungen Alter schon das rechte Verantwortungs­bewusstsein entwickeln können. Sie können, denn genau darum geht es hier, erklärt Eberhard. Das Fliegen ist ein optimaler Lehrmeister um die Persönlichkeit auszubilden; der Segelflugsport ist ein Gemeinschaftssport, in dem unzählige sicherheits­relevante Einzelheiten beachtet werden müssen. Hier läuft nichts ohne das Team, und dies setzt sich aus fünf Akteuren zusammen: dem Piloten, einem, der beim Start die Tragfläche hält und das Anrollen des Segelflugzeugs ermöglicht, einem, der das Seil einklinkt, das den Segelflieger mittels Winde hoch zieht, einem, der die Seilwinde bedient und schließlich eine Person im Startwagen, die Starts und Landungen überwacht. Zehn Meter entfernt macht es sich gerade Vanessa Paschka in ihren Einmann-Segler bequem. Mit ihren 22 Jahren ist sie die jüngste Fluglehrerin Deutschlands. Der älteste aktive Flieger des Vereins ist Günther Hartmann, Jahrgang 1932. Einer, der die „Thermik immer schon dabei hat“, lacht Iris Eberhard und spielt damit auf seinen immensen Erfahrungsschatz an.

Am 7. August zum Flugplatzfest

Um die 100 Mitglieder tragen den Verein, sechs Fluglehrer vermitteln etwa 17 Schülern die Kunst des Segelfliegens. Wo andere Vereine mit Nachwuchsmangel zu kämpfen haben, kann der Luftsportverein Lüneburg e.V. sich nicht über mangelndes Interesse beklagen.
Wer sich selbst mit dem Gedanken trägt, das Steuer zu ergreifen und in die Luft zu gehen, für den bietet der vierwöchige Schnupperkurs eine gute Testmöglichkeit. Wer einmal jenes ganz besondere Flugplatzflair schnuppern möchte, ist am Sonntag, den 7. August 2016 von 10.00 bis 18.00 Uhr zum traditionellen Flugplatzfest eingeladen, auf dem man sich am Flugsimulator ausprobieren oder als Passagier im Motorsegler oder Motorflugzeug, im Ultra­leicht oder Segelflugzeug starten kann. Darüber hinaus sind Gäste an jedem Wochenende auf dem Flugplatz herzlich willkommen — und wer weiß, vielleicht nimmt Philip Frantzheld auch Sie einmal mit, um Ihnen Lüneburg von oben zu zeigen. Bleibt nur noch, Ihnen „Many happy landings!“ zu wünschen, wie es so schön unter Segelflugsportlern heißt.(nf)

Fotos: Enno Friedrich

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